Zum Nachdenken gebracht

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Premiere am historischen Ort: „Dachau//Prozesse“ von Karen Breece. von Dominik Göttler.

Am Ende ist er beinahe nackt. Langsam zieht Martin Gottfried Weiß, gespielt von René Rastelli, seinen Anzug aus. Er nimmt einen der 42 000 metallenen Kleiderbügel aus der Installation am Boden und hängt seine Kleidung auf. Dann blickt er den Zuschauern eindringlich in die Augen, als wolle er sagen: Jetzt wisst ihr alles über mich. Urteilt über das, was ich getan habe.

Weiß war von 1942 bis 1943 Kommandant des Dachauer Konzentrationslagers. Nach der Befreiung verurteilte ihn ein US-Militärgericht gemeinsam mit 35 Mitangeklagten im sogenannten Dachauer Hauptprozess zum Tod. Am Originalschauplatz dieser Verhandlung lässt Regisseurin Karen Breece die Zuschauer ihres Theaterprojekts „Dachau//Prozesse“ nun Zeuge werden. Per Bus erkunden sie das Gelände der ehemaligen SS-Garnison, heute Sitz der Bereitschaftspolizei. Der Audioguide legt den Widerspruch des Ortes offen: Beschauliches Leben in der SS-Siedlung einerseits, während wenige Meter weiter im Lager Tod und Vernichtung herrschten. Das ungezwungene Gespräch mehrerer SS-Größen während der Hochzeit von Martin Gottfried und Lisa Weiß bekommt das Publikum – mittlerweile angekommen am Prozessort – nur zu hören.

Symbolisch schlüpfen derweil die Schauspieler hinter Fensterglas im Freien in ihre Rollen: Die Verhandlung beginnt. Penibel stellen Verteidiger (Sebastian Mirow) und Ankläger (Patric Schott) Weiß ihre Fragen. Dieser plädiert auf „Nicht schuldig“. Er habe nur Befehle befolgt. Und für Verbesserungen im Lager gesorgt. Im Chor vorgetragene Zeugenaussagen von Häftlingen entlarven seine Sätze als maßlose Beschönigungen. Ein Urteil gibt es nicht – richten sollen die Zuschauer. Sie gehen unschlüssig, nachdenklich zurück zu den Bussen. Karen Breece hat ihr Ziel erreicht.

Nächste Vorstellungen

am 30., 31. Mai und am 9., 10., 11., 12., 13., 14. Juni; Telefon 089/ 54 81 81 81.

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