Mutter und Kind

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Das Lenbachhaus zeigt im Kunstbau das vergessene Werk der französisch-argentinischen Künstlerin Lea Lublin. Von Simone Dattenberger.

Sie war erfolgreich, ganz auf der Höhe der Zeit – Stichworte: Environment, Dekonstruktivismus – und konnte ihr Schaffen zwischen Paris und Buenos Aires präsentieren. Und doch ist Lea Lublin (1929–1999), die französisch-argentinische Künstlerin mit polnischen Wurzeln, vergessen. Bester Ansporn für das Lenbachhaus in seiner Reihe von Wiederentdeckungen, dieser Frau im Kunstbau zu huldigen – mit der weltweit ersten Retrospektive. Kuratorin Stephanie Weber, in der Städtischen Galerie zuständig für Gegenwartskunst, waren bei ihrer Arbeit in den USA immer wieder Hinweise auf Lublins Performance „Mon fils“ (1968) begegnet. Darin waren Mama Lublin mit Söhnchen inklusive Kinderbett als Kunstwerk beim 24. Salon de Mai im Musée d’Art moderne de la Ville da Paris neben zum Beispiel Picasso-Gemälden aufgetreten. Webers Recherchen in Paris verliefen allerdings frustrierend, denn der gesamte Nachlass Lea Lublins war vernachlässigt. Das Lenbachhaus holte ihn schließlich nach München und musste enorme Restaurierungsarbeit leisten.

Die Künstlerin, die schon als Kind an der Akademie Malerei studierte, gehört zu der Generation, die das traditionelle Tafelbild ebenso auf den Prüfstand stellte wie die „Götter“ der Moderne oder das weihevolle Getue in manchen Museen. Obendrein rüttelte die avantgardistische Frau an den Gitterstäben, die die Männergesellschaft über Jahrhunderte hinweg um Frauen aufgestellt hatte. Dabei ließ sie sich aber nicht auf eine platte Anti-Haltung ein. Das uralte Symbol Mutter-Kind überzog sie nicht mit Abneigung und Spott, sondern dachte sorgsam und liebevoll nach – immer im Bezug auf das Kunstschaffen. Ihre Analyse unterfütterte sie mit Auseinandersetzungen mit männlichen Malern zwischen Dürer und Malewitsch und mit Wissenschaftlern wie Jacques Lacan. Sie ertastete sich einen Pfad zwischen Kunstgeschichte und Psychologie, der sie zu einem eigenständigen Werk gelangen ließ; wobei sie nie die soziopolitische Komponente aus den Augen verlor.

Das hieß bei Lea Lublin freilich nicht Theorie, sondern Sinnenfreude, ein bissl Frechheit und Spaß. Um das für die Besucher der Schau erfahrbar zu machen, rekonstruierte das Team um Direktor Matthias Mühling eine Installation der Künstlerin – zumindest ansatzweise zum Hineinschnuppern. Anlässlich einer Tunneleröffnung im argentinischen Santa Fe war Lea Lublin um eine Arbeit gebeten worden. Der Fluss-Unterführung stellte sie ihren riesigen Gaudi-Parcours „Fluvio Subtunal“ (1969) gegenüber. Wichtig war ihr der Mitmach-Effekt. So darf sich jetzt der Münchner nicht nur auf dem Oktoberfest am Schießstand erproben, sondern auch im Museum. Er kann durch einen bunt-transparenten, aufblasbaren Schlauch spazieren oder im dunklen Raum erschnüffeln, ob die Samen Kümmel sind. Die integrative Strategie verfolgte Lublin genauso bei ihren Befragungs-Aktionen über das gängige Frauen-Bild oder über Kunst, die in Filmen nachverfolgt werden können.

Am spannendsten für uns Heutige, die wir heitere Performances längst gewöhnt sind, ist Lea Lublins Auffassung vom Bild. Schon mit „Voir clair“ von 1965 machte sie deutlich, dass man sich gefälligst die Augen ausputzen und nicht mit Seh- und Denkschablonen auf Kunst blicken sollte: Sie verpasste Leonardos „Mona Lisa“ eine veritabel Scheibenwaschanlage. In den Achtzigerjahren zerlegte sie dann alte Bilder und die monochromen Tafeln der Klassischen Moderne beziehungsweise der Farbfeldmalerei nach 1945. Große und kleine, nicht immer rechteckige Elemente, die in sich ebenfalls gesplittet sein konnten, setzte sie zu einer Art Fries zusammen. Darin gab es zwei Dominanten: einerseits das Motiv Madonna mit Jesus und andererseits das der „reinen“ Farbe und Geometrie. Die Verfremdung gelang durch Trennung – etwa von Mutter und Kind. Lublin interessierte außerdem der männliche Malerblick auf die nackten Büblein. Das zeigt sich freilich nur in den Bild-Titeln, die Lublins Sicht auf die Renaissance-Kollegen spiegeln, und nicht in den Friesen und Collagen selbst.

Bis 13. September

Di.–So. 10–18, Telefon: 089/ 233 32 00; Begleitbuch: 32 Euro.

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