TRAUER UM COCO SCHUMANN, JAZZ-GITARRIST, LEGENDE DES SWING UND ÜBERLEBENDER DER SHOAH, DER MIT 93 JAHREN GESTORBEN IST

„Die Musik hat mein Leben gut gemacht“

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Eine Liebe fürs Leben: Coco Schumann (1924-2018) und seine Gitarre. Foto: Florian FRank

von stefan Sessler und esteban engel „Mein Leben hat die Musik gerettet“, hat Coco Schumann immer gesagt – und es wörtlich gemeint.

Der Jazz-Gitarrist überlebte den NS-Rassenwahn, zwei Konzentrationslager und einen „Todesmarsch“. Jetzt ist der Musiker, der Autodidakt war, mit 93 Jahren in Berlin gestorben.

Lange weigerte sich Schumann, von seinem Schicksal als Überlebender der Shoah öffentlich zu sprechen. „Ich bin ein Musiker, der im KZ gesessen hat, kein KZler, der auch ein bisschen Musik macht“, schreibt er in seiner Autobiografie „Der Ghetto Swinger“ (dtv). Die Lager, die Todesangst hätten sein Leben verändert, „aber die Musik hat es geführt, und sie hat es gut gemacht“.

Seine erste Gitarre bekommt der 1924 in Berlin geborene Heinz Jakob Schumann von einem Cousin. Schon mit fünf hat er am Klavier gesessen, doch dann hört er zufällig, wie Jugendliche in einer Eisdiele Swing spielen – die Musik lässt ihn fortan nicht mehr los. Der Sohn eines protestantischen Vaters und einer jüdischen Mutter lernt Gitarre und Schlagzeug, bald spielt er in Clubs und Tanzkellern. Eine französische Freundin, die seinen Namen nicht aussprechen kann, verpasst ihm den Spitznamen Coco.

Es ist Krieg, die SS macht eine Razzia in der Rosita-Bar in Berlin, wo gerade eine Swing-Sause steigt. Eine Party im Angesicht des Todes. Die Nazi-Häscher suchen nach Deserteuren, Juden, Untergetauchten. Einer der SS-Männer geht zur Bühne, wo der junge Coco steht. Den Musiker reitet ein Teufel, wie er sich einst im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert, er pflaumt die Streife an: „Eigentlich müssten Sie mich verhaften!“ Der SS-Mann fragt: Warum? Antwort: „Na, ich bin Jude und minderjährig. Zudem der Swing.“ Der SS-Mann lacht – er hält es für einen Witz. Aber es ist keiner. Schumann trägt bei Auftritten den gelben Stern in der Tasche. Seine freche Berliner Schnauze hätte ihm das Leben kosten können. Nacht für Nacht steht der Musiker auf der Bühne, es ist ein Ritt auf der Rasierklinge. Er endet 1943. Schumann wird denunziert. Er kommt nach Theresienstadt, später nach Auschwitz. Er überlebt, irgendwie. Er überlebt, weil er Musik spielt. Zur Belustigung der KZ-Wächter. Er wird „Ghetto-Swinger“, einer, der Tag für Tag um sein Leben spielt. In seiner bewegenden Autobiografie schreibt er später: „Der Mensch ist eine merkwürdige Erfindung. Unberechenbar und gnadenlos. Die Bilder, die ich in jenen Tagen sah, waren nicht auszuhalten, und doch hielten wir sie aus. Wir machten in der Hölle Musik.“ Schumann wird auf einem „Todesmarsch“ von US-Truppen befreit und kehrt nach Berlin zurück. Als erster Musiker in Deutschland spielt er auf der E-Gitarre, die er aus seiner Akustikgitarre gebaut hat. Er tritt mit dem Geiger Helmut Zacharias und dem Pianisten Bully Buhlan auf, nimmt Schallplatten auf und wird im Radio gespielt. 1950 wandert Schumann mit Frau und Sohn nach Australien aus, kehrt vier Jahre später zurück und knüpft an die frühen Erfolge an.

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