IM BAYERISCHEN NATIONALMUSEUM IST DIE AUSSTELLUNG „BEWEGTE ZEITEN – DER BILDHAUER ERASMUS GRASSER“ ZU SEHEN

Der Moriskentänzer

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Von Simone Dattenberger, Fotos: Marcus Schlaf. Er ist ein Bestseller-Künstler, obwohl es bei den wenigsten klingelt, wenn sein Name fällt.

Beim Stichwort „Moriskentänzer“ erschallt jedoch das große Ahhh. Sie sind ja nicht nur große Kunst, sondern auch so beliebt, dass sie es sogar in die Souvenirläden geschafft haben. Dass die grotesk agierenden Figuren von einem Erasmus Grasser (um 1450-1518) stammen, ist hingegen für die meisten nachrangig. Damit das nicht so bleibt und der bedeutende Münchner Bildschnitzer endlich so gewürdigt wird, wie es ihm gebührt, haben sich das Bayerische Nationalmuseum und das derzeit unbehauste Diözesan Museum Freising zusammengetan. Herausgekommen ist die erste (!) umfassende Ausstellung zu Grassers Œuvre und eine sensationell reichhaltige obendrein: „Bewegte Zeiten – Der Bildhauer Erasmus Grasser“.

Bei vielen Exponaten hatte man schlichtweg nicht zu hoffen gewagt, sie in einer Museumspräsentation anzutreffen. Schließlich sind die meisten Skulpturen sakrale Werke und daher in Kirchen beheimatet. Würden die beiden Museumsteams überhaupt ein Objekt aus dem Liebfrauendom bekommen? Darf man das dortige Chorgestühl, geadelt von Erasmus Grasser, „plündern“? Plündern war letztlich gar nicht nötig. Der Domdekan überließ, ohne lange zu fackeln, alle Propheten, Heilige und Apostel den Konservatoren und vor allem den Museumsbesuchern. Nie mehr wieder werden wir den kantigen Typen so nahe kommen, denn zum Chorgestühl in der Frauenkirche darf man nicht hinaufsteigen. Also müssen sich jetzt die Augen fest- und vollsaugen an einem Menschheits-Reigen.

32 heilige Männer markierten  die Lehnen der von Herzog Albrecht IV. etablierten Chorherren. Jeder zeigt sein individuelles Wesen, nimmt zugleich mit Gesten und Körperwendungen Kontakt zu den anderen und zum Betrachter auf. Grasser hat eine feine Rhythmik für die Gruppe entwickelt, die der Würde der Gottesmänner entspricht, sie indes keinesfalls als erstarrte Würdenträger darstellen will. Da darf der Prophet Hiob ein stattliches Doppelkinn besitzen – ein solches hatte auch Albrecht, wie das Porträt im Nationalmuseum zeigt. Da darf Papst Gregor der Große seinen Daumen in den Buchfalz klemmen, wie wir es tun würden. Und König David darf seine Leier streicheln und muss keine Heldentaten bestehen. Bei jeder einzelnen dieser Persönlichkeiten macht der Künstler klar, dass es der (göttliche) Geist ist, der zählt. Aktionismus, Leistungszwang wären lächerlich.

Am unwiderstehlichsten ist diese These – als Mensch in Gottes Ruhe aufgehoben zu sein – in der Gestalt des Heiligen Petrus und der ihn umgebenden Altartafeln formuliert. Hier wieder die Doppelsensation: Die Kirchenstiftung von St. Peter hat „ihre“ Skulptur abgegeben (Kopie in der Kirche), und die Museumsteams rekonstruierten ungefähr den seit der Barockzeit zerlegten spätgotischen Hochaltar. Dieser ist als dramatischer Kontrast aufgebaut: von stiller Entrücktheit – Petrus als pyramidale Sitzskulptur – und wild, teils brutal bewegten Lebensläufen – Jesus, Petrus, Paulus auf den Gemäldetafeln. Diesen theatralen Effekt spitzt der Münchner Bildschnitzer in der Gestalt des Petrus weiter zu. Sein Gewand bauscht sich üppig und herrscherlich um ihn. Das gemütliche Gesicht, die Glatze mit Haarkranz und der nackte Fuß erzählen freilich vom jüdischen Fischer.

Grasser war eben nicht angepasst, deswegen konnt er ein wahrer Künstler werden. Als die Stadt ihn puschen wollte, schrieben die Zunftmeister 1475 genervt über ihn: „ain vnfridlich, verworner vnd arcklistiger knecht“. Dessen Moriskentänzer fegten das Verdikt hinweg. Sie verschafften dem Bildschnitzer den Durchbruch und tanzen bis heute sein Lob im Alten Rathaus. Für den Münchner Tanzsaal hatte er mit den damals noch 16, heute zehn, in der Schau fünf Figuren bewiesen, dass Skulptur Bewegung pur sein kann. Gerade deswegen vermochte er später der Ruhe einen besonderen Sog zu geben. Auf seine Weise verankerte Erasmus Grasser die Renaissance in seiner Zeit, in der in Deutschland die Reformation heraufdämmerte. Mit einigen wenigen exzellenten Stücken dazu – von der Betnuss bis zur Sackpfeife – macht uns das Nationalmuseum eines deutlich: Unsere Vorstellung vom Mittelalter ist bare Ahnungslosigkeit.

Bis 29. Juli

Di.-So. 10-17 Uhr,

Do. bis 20 Uhr, 1. Mai geschlossen;

Telefon 089/ 21 12 42 16;

Katalog, Hirmer: 39 Euro.

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