Wo ist Moravetz? Im Reporterhimmel

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Der Regisseur erkannte das Potenzial seines berühmtesten Satzes: Zum Tod der ZDF-Stimme des Nordischen Skisports Von Günter Klein

Die Nachricht, dass Bruno Moravetz am Silvestertag gestorben ist, hat viele überrascht. Weil ihnen nicht bewusst war, dass dieser knorrige frühere Fernsehsportreporter überhaupt noch gelebt hatte. Manchmal, wenn man jemanden lange nicht mehr bemerkt hat, ist man unschlüssig: Gibt’s den noch? Weit weg war seine große Ära, vergangen seit drei Jahrzehnten. Seine Tochter Christiane, selbst eine Journalistengröße bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, ist auch schon seit zwei Jahren im Ruhestand. Sie gab nun das Ableben ihres Vaters bekannt: 92 Jahre alt war Bruno Moravetz geworden.

Einen Satz von Bruno Moravetz kennt jeder: „Wo ist Behle?“ Jochen Behle war bei den Olympischen Spielen 1980 in Lake Placid ein unbekannter deutscher Skilangläufer, der im 15-km-Wettbewerb bei der ersten Zwischenzeit vorne lag, aber von Kameras des federführenden US-Fernsehens nie eingefangen wurde. Behle, damals 19, wurde in diesem Rennen denn auch nur Zwölfter – doch fortan war sein Name ein Begriff. „Wo ist Behle?“

Was bis zum Tod von Bruno Moravetz ein Betriebs-Geheimnis bleiben musste: So oft, wie dieser mythische Satz während der Übertragung fiel, war er gar nicht gesprochen worden. Das ZDF sendete den 15-km-Lauf wegen eines parallel laufenden Eishockeyspiels leicht zeitversetzt, und der diensthabende Regisseur erkannte das Kult-Potenzial dieses Satzes. Er schnitt ihn noch ein paarmal in die Reportage hinein. Zwölf Millionen schauten und hörten zu. Mit „Wo ist Behle?“ wurde Moravetz zum Star. Man zeichnete ihn mit einem Bambi aus, und weil er mit knapp 60 einen Popularitätsschub erfuhr, wurde er sogar noch Moderator des „Aktuellen Sportstudio“. Es war nicht sein Format, das erkannte Moravetz nach einigen Ausgaben („Ich bin kein Showman“) und zog sich auf den Kommentatorenplatz zurück.

Dort war er einfach nur großartig. Spezialität: der Nordische Skisport. Langlauf. Springen. Seine Stimme war das Medium für seine Passion, er kannte die Stars der Loipen und Schanzen persönlich, freute sich mit ihnen, litt mit ihnen. Gerade die „Wo ist Behle?“-Reportage hatte einen speziellen Höhepunkt. Der 15-km-Lauf von Lake Placid brachte die knappste Entscheidung in der olympischen Geschichte dieses Sports: Lange führte der Finne Juha Mieto, der Schwede Thomas Wassberg war einen Tick schneller. „Eine Hundertstel!“ – auch dies ein Moravetz-Satz.

Treuen ZDF-Sport-Sehern war er lange vor Lake Placid ein Begriff. Er drehte Filme für die legendäre Reihe „Die Sportreportage“, er war mit Reinhold Messner auf Himalaya-Expeditionen, auf einer erlitt er Erfrierungen und ein Lungenödem. Moravetz war einer derjenigen, die Messner einem breiten Publikum bekannt machten, doch ihr Verhältnis war angespannt. Der Münchner Kunstsammler, Alpinist und Messner-Kritiker Max von Kienlin schrieb 2005 darüber in seiner Kurzgeschichte „Das kurze Seil“.

Bruno Moravetz, der seit den Siebzigerjahren in Nesselwang im Allgäu lebte, gehörte zu den ZDF-Redakteuren, die 1963 zum Start der Fußball-Bundesliga das „Sportstudio“ ersannen – und mit seinem Kollegen Gerd Mehl war er der Erfinder von „Professor Arne Leibusch“. Eine Fantasiefigur, die Moravetz zitierte, wann immer er die Meinung eines Experten brauchte (der er selbst aber zur Genüge war in seinen Sportarten). Ein Streich des Fernsehens in seinen frühen Jahren.

Wo ist Bruno Moravetz? Seit Silvester im Reporterhimmel.

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