Mit der Moderne spielen

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Das prominenteste Werk von Lina Bo Bardi ist das Kunstmuseum von São Paulo. foto: nelson kon

AUSSTELLUNG  . Das Münchner Architekturmuseum widmet sich der Italienierin Lina Bo Bardi, die in Brasilien eigenwillige Bauten schuf.

von alexander altmann

Erst läuft man gegen die Wand, und dann glaubt man auch noch, man steht im Wald: Eine Mauer aus Ytongsteinen versperrt den Weg am Eingang der Ausstellung. Und wer sich an der Barriere vorbei einfädelt in ein Labyrinth aus Papierfahnen sowie weiteren Ytong-Wänden, der trifft auf Fotos der Casa de Vidro – ein modernistisches Wohnhaus auf schlanken Stelzen, entstanden 1949–1951, dessen Innenhöfe quasi bodenlos, also nach unten offen sind, sodass tropische Vegetation durch sie hochwuchert.

Das Dschungelfeeling im Wohnzimmer, das sich bei den Bewohnern dieser Villa für Fortgeschrittene einstellt, ist charakteristisch für das baukünstlerische Schaffen von Lina Bo Bardi, das seinen Reiz aus dem Zusammentreffen der Gegensätze bezieht. Am 5. Dezember wäre sie 100 geworden. Aus diesem Anlass erinnert das Architekturmuseum der Technischen Universität in der Pinakothek der Moderne an eine Architektin von Weltrang, die bisher nur Insidern bekannt ist.

„Brasiliens alternativer Weg in die Moderne“ lautet der Untertitel der Schau, denn 1946 wanderte die Italienerin mit ihrem Mann nach Brasilien aus, wo bis zu ihrem Tod 1992 ein architektonisches Werk entstand, zu dem neben öffentlichen Bauten mehrere Wohnhäuser gehören. Und zwei Kirchen, obwohl die Architektin behauptete: „Ich bin Stalinist und Antifeminist.“ Wobei es vielleicht eher ein alternativer Weg über die Moderne hinaus ist, den Lina Bo Bardi beschritt. Die vergeistigten Reinheitsgestus des Bauhaus-Stils greift sie zwar auf, aber mehr und mehr verfremdet sie ihn zum Zitat. Das kühle geometrische Pathos der Moderne collagiert sie mit brachialen, alltäglichen Elementen von Industrie-Architektur. So besteht etwa ihr prominentestes Werk, das Kunstmuseum von São Paulo (1957– 1968), aus einem filigran gegliederten Stahl-Glas-Quader in der Tradition der Moderne, der aber buchstäblich über der Erde schwebt, weil er an zwei Betonbrücken hängt wie ein Container am Ladekran. Indem die Architektin die Levitations-Attitüde des Bauhaus-Idealismus beim Wort nimmt und mit den materialistischen Betonträgern ironisch bricht, spielt sie nicht nur mit dem Verhältnis von Basis und Überbau, sondern erweist sich auch als eigenwillige, frühe Vorläuferin der Postmoderne: Lina Bo Bardi bleibt nicht beim melancholisch-augenzwinkernden Retro-Look stehen. Ihre humorvolle Verschränkung des Widersprüchlichen ist auch Reflexion der gesellschaftlichen Realität.

War es wirklich dieser soziale, zumindest soziologische Impetus, weswegen ihre Bauwerke beim Publikum gut ankamen? So wie etwa das Kultur- und Sportzentrum Fabrica da Pompeia in São Paulo. Von 1977 bis 1986 wurde da eine alte Fabrik umgestaltet in ein spröd-verspieltes Märchenschloss mit luftig-hohen Brücken, kühnen Türmen und einem Flüsschen in der Ausstellungshalle. Vielleicht ist es also doch eher die Mischung aus Humor und Form-Instinkt, was gefällt. Schon die Entwurfszeichnungen – quirlig, bunt, witzig – scheinen jedem gravitätischen Architektengehabe abhold. Übrigens: Ytong hat Lina Bo Bardi nie verwendet. Dieser Baustoff ist in Brasilien unbekannt...

Bis 22. Februar

täglich außer Mo. 10 bis 18 Uhr, Do. bis 20 Uhr;

Telefon 089/ 23 80 53 60.

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