REGISSEUR FRIEDEMANN FROMM ÜBER SEINEN FILM „DIE FREIBADCLIQUE“ UND DAS LEBENSGEFÜHL EINER JUGEND AM ENDE DES ZWEITEN WELTKRIEGS

„Mich hat diese Leichtigkeit gepackt“

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Sie sind zu fünft, verbringen ihre Nachmittage im Sommer des Jahres 1944 im Schwimmbad und schwärmen für das gut aussehende Mädchen im roten Badeanzug.

Junge Burschen, wie sie normaler nicht sein könnten – doch um sie herum herrscht Krieg, die Front rückt näher und die Einberufung zum „Volkssturm“ steht bevor. Nicht alle werden die Heimat wiedersehen. „Die Freibadclique“ nannte der Autor, Regisseur und Produzent Oliver Storz (1929–2011) seine Erinnerungen an eine Jugend in der schwäbischen Provinz, zwischen „Drittem Reich“ und Besatzungszeit. Friedemann Fromm (55), vielfach ausgezeichneter Regisseur („Unter Verdacht“, „Weissensee“) hat Storz’ Roman für die ARD verfilmt. In den Hauptrollen sind Jonathan Berlin, Theo Trebs, Andreas Warmbrunn, Laurenz Lerch und Joscha Eißen zu sehen.

-Filme über das Kriegsende, über Hitlers „letztes Aufgebot“ gibt es seit „Die Brücke“ zuhauf – was macht „Die Freibadclique“ so erzählenswert?

Was mich an dem Stoff gepackt hat, war die Leichtigkeit, mit der diese Geschichte erzählt wird, eine Leichtigkeit, die man in Filmen wie „Die Brücke“ nicht findet. Das hat vielleicht mit der größeren Distanz zu tun, aus der das Buch geschrieben wurde. Mir waren auch die Figuren sofort sehr nahe. Ich glaube, dass jede Generation ihre eigenen Filme über diese Zeit braucht, und ich denke, dass dieser ganz andere Rhythmus der „Freibadclique“ vor allem junge Zuschauer erreichen kann.

-An welchen Stellen haben Sie die Vorlage verändert – und warum?

Ein Roman ist naturgemäß nicht in jedem Detail so stringent erzählt wie ein Film. Für das Drehbuch habe ich manches gestrafft, auch manche Konflikte verschärft, und ich habe vor allem den zweiten Teil stärker betont, der in der Zeit der amerikanischen Besatzung spielt. Darüber wollte Oliver Storz ja noch einmal ein eigenes Buch schreiben, wozu es durch seinen Tod leider nicht mehr gekommen ist.

-Was waren die größten Herausforderungen bei der Realisierung?

Die größte Schwierigkeit, was Drehorte anging, war, ein Schwimmbad zu finden, das noch glaubwürdig aus den damaligen Zeit stammt und über einen Zehn-Meter-Sprungturm verfügt – wir haben es in Bad Wimpfen entdeckt, rund 50 Kilometer von Schwäbisch Hall entfernt. Wir haben lange überlegt und waren uns schließlich einig, dass wir ganz viele Szenen auf diesem Turm spielen lassen müssen, mit allen Konsequenzen für die damit verbundene Logistik. Die größte Herausforderung beim Finden der Darsteller bestand darin, eine Gruppe zusammenzubekommen, die gut harmoniert und die – das war uns wichtig – schwäbischen Dialekt spricht.

-Gibt es etwas, das Sie noch nicht wussten, bevor Sie sich mit dem Stoff beschäftigt haben?

Ich wusste nichts von der Lebensfreude dieser Generation, die es aber gab. In meiner Wahrnehmung waren das „Dritte Reich“ und die Stunde Null bisher eine sehr belastete Zeit, zu der die im Buch explizit erwähnten sexuellen Fantasien der Jugendlichen nicht recht passen wollten. Ich habe dann noch andere Zeitzeugen des Jahrgangs 1929 befragt, dem Storz angehörte, darunter auch meinen Vater, und die haben mir bestätigt, dass es schon auch noch eine gewisse Normalität gab.

-Recherche in der eigenen Familie...

Ja, und bisher hatte ich immer die gleichen Geschichten zu hören bekommen. Aber als ich ihm von der „Freibadclique“ erzählt habe, hat mein Vater dann doch rausgelassen, dass es eben auch eine Art von Freiheit gab, weil die Eltern mit sich und ihren Problemen beschäftigt waren und nicht so sehr auf die Kinder schauen konnten – mit allen Folgen, positiven wie negativen. Auf der anderen Seite hat man natürlich mit einer gewissen Angst die Jahrgänge runter- oder besser raufgezählt, 1925, 26, 27, 28. Und gehofft, dass der Krieg vorbei ist, bevor es einen selbst erwischt.

-Sie kannten Oliver Storz?

Wir haben uns nur einmal getroffen, kannten uns eigentlich nicht gut, haben einander aber immer sehr geschätzt. Er wollte ja auch unbedingt, dass ich den Film mache. Der Plan war, dass er das Drehbuch schreibt und ich Regie führe.

-Würden Sie sagen, dass Oliver Storz als Drehbuchautor und Regisseur für Sie ein Vorbild war?

Vorbild würde ich nicht sagen, aber natürlich gibt es Filme, die mich berührt und inspiriert haben. Ich fand zum Beispiel sein Willy-Brandt-Porträt „Im Schatten der Macht“ großartig. Mich hat stets beeindruckt, dass er als Filmemacher im besten Sinne des Wortes eine moralische Instanz war. Oliver Storz hat Filme nicht einfach so gedreht, sondern weil er damit etwas aussagen wollte. Fiktionales Fernsehen machen zu dürfen ist ein Privileg, aus dem eine große Verantwortung erwächst. Ich finde, dass Oliver Storz sehr verantwortungsbewusst mit dem Medium umgegangen ist.

-Wenn Sie Ihrem Film eine Überschrift geben würden, um die Zuschauer neugierig zu machen – wie würde die lauten?

Darüber habe ich viel mit den jungen Darstellern gesprochen, und wir sind immer wieder auf den Satz gekommen: „Freundschaft braucht Courage.“ Es ist das Einstehen für etwas, das man als richtig und wichtig empfindet. Darin liegt für mich auch der aktuelle Bezug dieser Geschichte – Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. Diesen kleinen, alltägliche Widerstand, den diese Jungs in schwierigen Zeiten geleistet haben, finde ich so großartig, weil er so menschlich ist.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare