Im Menschenzoo

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Schräge Komik – doch ohne plumpe Travestie-Gags: „Die Präsidentinnen“ werden am Volkstheater von Männern gespielt (Szene mit Max Wagner, re., und Moritz Kienemann). Foto: gabriela neeb

Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca inszenierte für die kleine Bühne des Münchner Volkstheaters Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“. Von Alexander Altmann.

Ob das als artgerechte Tierhaltung durchginge? Ein Zwischending aus Pferdeboxen und Schweinekoben hat Ausstatter Sita auf die kleine Bühne des Münchner Volkstheaters gestellt. Der Zuschauer blickt also in eine Art Menschenzoo, wo drei bizarre Exemplare der Gattung „Alte Schachtel“ auf strohbedecktem Boden vegetieren; jede in einer eigenen Box und in der mittleren die Mariedl, von der man weiß: „Die Mariedl, die macht’s auch ohne.“

Er hat es fast geschafft, zum geflügelten Wort zu werden, dieser Satz aus der bitterkomischen Klofrauen-Farce „Die Präsidentinnen“, mit der dem österreichischen Dramatiker Werner Schwab (1958–1994) der Durchbruch gelang. Ja, 25 Jahre ist das schon her, dass Schwab die Mariedl „auch ohne“ Gummihandschuhe immer ganz tief hinein- und hinuntergreifen ließ in die verstopften Toiletten, um sie freizuräumen. Damit er wieder seinen Gang gehen kann, der „Stuhlgang“, der hier in schauerlicher Ausführlichkeit beredet und breitgetreten wird, von den drei älteren Frauen, die sich treffen, um eine Papstmesse im Fernsehen anzuschauen.

Mit ihrem durchfallartigen Redefluss greifen die sinnliche, fette Grete (Max Wagner), die sparsam-vertrocknete Erna (Paul Behren) und die hysterisch fromme Mariedl (Moritz Kienemann) dabei auch ganz tief hinunter in die verstopften Aborte ihres beschissenen Lebens, in Kloaken voller Alkoholismus, Armut und Kindesmissbrauch. Was in der monströsen Verkorkstheit dieser drei Gorgonen aus dem Gemeindebau zutage kommt, ist aber nur die Monstrosität der Verhältnisse, die solche Figuren hervorbringt.

Dass das Stück damit auch heute noch virulent scheint, wie jetzt zu erleben war, weist es als echten Klassiker der Fäkaldramatik aus. Nachwuchstalent Abdullah Kenan Karaca, seit dieser Spielzeit Hausregisseur am Volkstheater, setzt bei seiner Inszenierung auf äußere Verfremdung, indem er die drei Frauenrollen mit männlichen Schauspielern besetzt. Natürlich bewirken Männer, die, ohne auf plumpe Travestie-Gags zu zielen, Frauenkleider im Unterschichten- und Kittelschürzen-Stil tragen, durch ihre schräge Komik schon eine gewisse fundamentale Absurdität.

Weil sich der Regisseur aber zu sehr auf diese optischen Brechungen verlässt, übersieht er ein wenig, dort für Künstlichkeit zu sorgen, wo es darauf ankäme: bei der Schauspielerführung. Er lässt die Darsteller immer noch zu realistisch agieren, sodass der Abend ein wenig in Richtung Wohnküchen-Mief, Karikatur und Putzfrauen-Parodie driftet. Aber ohne strenge artifizielle Stilisierung können Stücke von Werner Schwab ihre eigentliche Wirkung nicht entfalten, die aus der Sprache erwächst. Einer Sprache, deren Verrenktheit die ganze verrenkte Existenz ihrer Sprecher spiegelt in Sätzen wie „Die Menschen müssen halt immer eine Nächstenliebe am Laufen halten“.

Am Schluss, wenn sich die drei Schreckschrauben in ihre religiös-erotischen Wunschfantasien hineinsteigern und dabei ausziehen, werden die grotesken Fatsuits sichtbar, die unter den Klamotten für „weibliche“ Formen sorgten. Jetzt erinnern sie aber an rosige Schweindeln, und das passt doch zu dieser theatralen Sauerei, die trotz mancher Schwächen kein Griff ins Klo ist.

Nächste Vorstellungen

am 28. Oktober sowie 4., 6., 12., 22. und 25. November;

Telefon 089/ 523 46 55.

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