DER KUNSTVEREIN MÜNCHEN WÜRDIGT MIT DER SCHAU „JOS DE GRUYTER & HARALD THYS – 30 JAHRE KUNST“ DAS BELGISCHE DUO

Der Mensch als Vogelscheuche

Blick in die Münchner Ausstellung über die Arbeit von Jos de Gruyter und Harald Thys. Foto: Kunstverein
+
Blick in die Münchner Ausstellung über die Arbeit von Jos de Gruyter und Harald Thys. Foto: Kunstverein

Von Freia Oliv. Roter Styroporkopf, schwarzer Modebart, schwarze Sonnenbrille: Das ist Fritz.

Der Blick ist verstellt durch ein schwarzes Metallgitter. Er ist der „Archetyp des hirnlosen Macho-Europäers“. Ein Volltreffer in Sachen boshafte Ironie. Jos de Gruyter und Harald Thys hauen noch mehr raus: Die Menschheit als eine Ansammlung von Vogelscheuchen, leeren Metallgestänge-Gerippen und Schlamm-Köpfen, das ist ihr Gesellschaftsbild. Für derlei Installationen wurden und werden sie mit der Hassliebe des Kunstbetriebs bei allen großen Veranstaltungen von Venedig bis Berlin belohnt. Der Kunstverein München hat nun versucht, dieses Phänomen und damit „30 Jahre Kunst“ des belgischen Duos zu würdigen.

Der Auftakttext zur Ausstellung verweist darauf, dass die Kuratoren unter der Voraussetzung arbeiteten, dass eine chronologische Präsentation die künstlerische Evolution demonstrieren würde. Sie resümierten jedoch bald: Die gab es nicht, denn das Kernthema des Duos ist gleich geblieben. Es geht stets um Überlebenskämpfe in einer kapitalistischen Gesellschaft, um soziale Mechanismen und persönliche Ausflüchte, um einen ständigen Kreislauf, der gemäß dem Künstlerduo nur durch Krankheit oder Tod durchbrochen wird. Folglich wurde die Schau konzipiert als Collage aus Skulpturen, Zeichnungen, Videos, Gemälden, Fotografien, Editionen, Klangwerken und Katalog sowie Unfertigem und Verworfenen. Und als ständiges Verwirrspiel von Kunst, Dokumentation und Fiktion, quasi als Beweis, dass das Universum des Duos und das wahre Universum eines sind und es sowieso unzählige Parallelwelten gibt.

Konkret stand man in München also vor der Herausforderung, drei Jahrzehnte höchst gesellschaftspolitische Konzeptkunst anschaulich zu machen. Dafür unterteilte man die Räume in kleine Zellen, die allerdings nahtlos ineinander übergehen und aus allen Phasen Bruchstücke enthalten. Die Idee des kontinuierlichen Kreislaufs und der zeitlosen Parallelen steckt dahinter. Aber damit geht jede Klarheit verloren. Die endlose Abfolge ist ermüdend. Weniger, kompakter, strukturierter: Das wäre hier mehr gewesen. Welche Wucht haben die „schmutzigen Puppen von Pommern“ (2013), die lebensgroßen Stroh- und Stoff-Figuren, wenn sie in ihren Wohlstandslumpen für die Opfer der Gesellschaft stehen! Die modernen, oft unfreiwilligen Vagabunden kehren auch als Metallskelette in zerrissener Kleidung wieder. Gerade diese Gerippe-Konstrukte sind wandelbare Ausdrucksträger: die doppelköpfigen Zwillinge, immer gleich, der Arzt als leeres Hemd, der hohle Mensch. Kopf-Stelen, aalglatt aus der virtuellen Realität, oder als löchrige Schlamm-Deformationen, ergänzen das Gruselkabinett namens Gesellschaft.

Die Unzufriedenheit mit den Umständen war 1987 der Grund, warum sich die beiden Kunst- und Design-Studenten de Gruyter und Thys, Jahrgang 1965 und 1966, zusammentaten. Seitdem arbeiten sie obsessiv und in manchen Selbstexperimenten an ihren Themen. In Bildern, fiesen Porträts, pseudo-altmodischen Aquarellen und Fotos ist das dokumentiert. Besonders (be-)greifbar aber werden die Belgier immer mit ihren Skulpturen, bei denen selbst eine einfache Stahlplatte mit wenigen Biegungen zur Karikatur der menschlichen oder scheinbar nutzbaren Form wird. Jedenfalls so lange, bis sie das Kunststück selbst hinrichten.

Bis 25. Juni

Di.-So. 11-18 Uhr; Katalog: 20 Euro; 089/ 22 11 52.

Kommentare