„Meine Regel: Sei immer im Moment!“

In seinem Element: Yannick Nézet-Séguin am Pult. fkn
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In seinem Element: Yannick Nézet-Séguin am Pult. fkn

Dirigent Yannick Nézet-Séguin über Programmmusik, seine Ziele und Zukunftspläne. Er war ein Shootingstar unter den jungen Dirigenten.

Mittlerweile gehört Yannick Nézet-Séguin (39) zu den Begehrtesten seiner Zunft. Seit 2012 ist der Frankokanadier Musikdirektor des Philadelphia Orchestra. Aber auch in München ist er häufig zu Gast. Heute und morgen leitet er das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks im Gasteig (jeweils 20 Uhr) mit Werken von Strawinsky, Dutilleux sowie Rimskij-Korsakow. Dessen „Scheherazade“ wird er am Freitag auch im Familienkonzert mit Rufus Beck als Sprecher dirigieren.

-Alle drei Werke heute Abend sind Programmmusik. Gehen Sie da speziell heran?

Das Interessante bei der Programmmusik ist, dass die Komponisten eigentlich nie hundertprozentig zufrieden waren, ihrem Werk ein Programm zu geben. Dutilleux etwa hat gesagt, die Gedichtzeilen, die er jedem Satz vorangestellt hat, dürften nicht zu wörtlich genommen werden. Sie sollen mehr helfen, eine Atmosphäre zu schaffen. Demnach benutze ich diese Hilfestellungen der Komponisten bei den Proben, um dem Orchester klanglich Dinge zu veranschaulichen. Aber nie zu viel, gerade das Cellokonzert von Dutilleux, das wir spielen werden, ist so großartig orchestriert, da sorgen die Klangfarben schon für die richtige Stimmung.

-Strawinsky sollte für „Pulcinella“ auf Werke alter Meister wie Pergolesi zurückgreifen und diese neu arrangieren. Er hat aber lieber selbst komponiert. Hört man trotzdem die Barockkomponisten raus?

Das ist eine wichtige Frage, vor allem wenn es um den Klang geht. Spielt man es im Stil des Barock? Dann wäre es reiner Pergolesi. Strawinsky aber hat mehr satirische, buffoneske Elemente reingebracht, wie es der Figur „Pulcinella“ entspricht. Die muss man herausarbeiten. Dadurch gewinnt das Stück mehr Farben und ist eigentlich italienischer als Pergolesi. (Lacht.) Das war stilprägend, denn seitdem war es für die Komponisten des 20. Jahrhunderts legitim, sich nicht als Nachfolger der Romantiker zu sehen, sondern vielmehr in der Tradition des Barock.

-Nach meinem Gefühl suchen Sie beim Dirigieren nie den übertriebenen Effekt, sondern vertrauen ganz auf die Wirkung der Musik und legen diese deshalb möglichst frei von allem zusätzlichen Pathos.

Das ist mein Ziel, ja. Vor einigen Jahren war das noch anders. Da habe ich viel überlegt, was machen wir da? Mach’ ich ein Crescendo dort? Jetzt bin ich gegen sowas allergisch. Ich schau’ auf die Partitur, die für sich selbst spricht. Darum möchte ich nichts zusätzlich machen oder draufstülpen.

-Sie sind Musikdirektor in Philadelphia, aber in naher Zukunft werden auch Chefsessel bei anderen Orchestern frei, zum Beispiel bei den Berliner Philharmonikern…

(Lacht.) 2018 scheint das Schicksalsjahr zu sein. Ich habe eine Regel: Sei immer im Moment! Ich genieße es sehr, bei verschiedenen fantastischen Orchestern zu sein. Die Partnerschaft mit den BR-Symphonikern etwa ist eine der wichtigsten meines Lebens. Wenn Sie meinen Kalender anschauen, dann ist die erste Seite Dezember 2014 und die letzte 2020! Wenn ich das sehe, frag’ ich mich manchmal schon, ob das richtig ist. Aber umso mehr muss ich auf das Jetzt fokussiert sein. Und es kommt ja gar nicht darauf an, ob ich will, sondern auf die Berliner Philharmoniker.

Das Gespräch führte

Maximilian Maier.

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