STEPHAN LACANTS FERNSEHFILM „TOTER WINKEL“ ÜBER EINEN VATER IM KONFLIKT ZWISCHEN DEM STAAT UND DER EIGENEN FAMILIE

Mein Sohn – ein Nazi?

Was hat Thomas Holzer (Hanno Koffler, re.) mit einer rechtsradikalen Gruppierung zu tun? In Vater Karl Holzers (Herbert Knaup) Entsetzen mischen sich schnell Schuldgefühle. Hat er selbst Fehler gemacht? Foto: ARD
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Was hat Thomas Holzer (Hanno Koffler, re.) mit einer rechtsradikalen Gruppierung zu tun? In Vater Karl Holzers (Herbert Knaup) Entsetzen mischen sich schnell Schuldgefühle. Hat er selbst Fehler gemacht? Foto: ARD

ARD . Von Marco krefting.

Karl Holzers Welt zerbricht. Er muss sich fragen, ob er als Vater alles richtig gemacht hat. Fotos zeigen seinen Sohn am Lagerfeuer, den Arm ausgestreckt zum Hitlergruß. Ist Thomas ein Nazi? Müssen Kinder sich „ausprobieren“, wie Holzer es nennt? Und auf welcher Seite steht ein Vater im Konflikt zwischen Familie und Staat, wenn es um Mord geht? Im Drama „Toter Winkel“, das das Erste heute um 20.15 Uhr zeigt, geht es um einen Generationenkonflikt vor dem Hintergrund von Rechtsradikalismus und Ausländerhass.

Die Kontrahenten in der nur scheinbar heilen Vater-Sohn-Beziehung sind Herbert Knaup („Kluftinger“) als Friseurmeister Karl Holzer und Hanno Koffler („Die Dasslers“) als sein Sohn Thomas. Dessen Freund aus Kindertagen wird bei einem Unfall von einem Lastwagen überfahren. Nach seinem Tod kommen Gerüchte auf, er sei in ein rechtsterroristisches Verbrechen verwickelt gewesen. Thomas will davon nichts wissen.

Los geht der anderthalbstündige Film mit der vermeintlichen Abschiebung einer Familie aus dem Kosovo – nach 17 Jahren in Deutschland. Männer in Polizeiuniformen räumen nachts die Wohnung, die 15-jährige Tochter Anyá kann entkommen und findet ein Versteck. Bis der innerfamiliäre Konflikt bei den Holzers aufbricht, bis Rechtsextremismus zum Thema wird, bis klar wird, dass es sich bei den Männern, die die nächtliche Aktion durchgeführt haben, gar nicht um Polizisten gehandelt hat, braucht der Film ein kleine Weile. Insgesamt haben Autor Benjamin Zakrisson-Braeunlich und Regisseur Stephan Lacant die Geschichte aber wenig effekthascherisch inszeniert. Und doch entwickelt der Film wegen seiner teils überraschenden Wendungen eine große Spannung.

Und aktueller könnte er kaum sein. Die Diskussion um die Abschiebung von Menschen, die teils seit Jahren in Deutschland leben und sich hier integriert haben, ist nicht erst durch die Sammelflüge nach Afghanistan regelmäßig auf der Tagesordnung. Auch die Gesamtzahl rechtsextremistisch motivierter Straftaten steigt, seit wieder mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Für 2015 verzeichnete das Bundesamt für Verfassungsschutz mit 21933 solcher Straftaten ein Plus von mehr als 5000 im Vergleich zum Jahr davor. Die Zahl der Gewalttaten wuchs um über 42 Prozent auf 1408.

Der Film lässt lange offen, wie tief Thomas in die rechtsextreme Szene verstrickt ist. Für Karl geht es ans Eingemachte, um die Frage nach der Loyalität. Seine Schwiegertochter fragt: „Das Wichtigste, das wir haben, ist die Familie. Wenn wir das verlieren, was bleibt uns dann noch?“ Aber hat er selbst mit Äußerungen bei seinem Sohn Überreaktionen ausgelöst? Die Gespräche am Küchentisch, sie erscheinen plötzlich in einem neuen Licht.

„Das Erschrecken über die rechtsradikale Überzeugung des Sohnes ist das Erschrecken meiner Generation über die Tatsache, dass Faschismus und rechtsradikale Positionen in der heutigen Jugend nicht nur diskutiert, sondern auch von vielen gelebt und in Taten umgesetzt werden“, sagt Produzent Hans W. Geißendörfer: „Ein Film als Grundlage für eine politische Diskussion muss dem Zuschauer mehr bieten als angenehme Unterhaltung – er zielt immer ins Herz und ins Hirn.“

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