„Mehr Fleisch als Gedanke“

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Davide Enia hat „So auf Erden“ veröffentlicht. moro

Davide Enia im Literaturhaus über Boxen, Leben und alles dazwischen. von michael schleicher.

Vor, zurück, nach links, nach rechts. Es wirkt, als sei sein Oberkörper ständig in Bewegung, während seine Füße auf der Bühne des Münchner Literaturhauses ihren ganz eigenen Tanzschritten folgen. Natürlich ist Davide Enias Pendeln auch Reaktion auf die Situation bei dieser Lesung, seiner ersten in Deutschland: hin zur Dolmetscherin Martina Kiderle, nach rechts, wenn Moderatorin Marion Bösker ihm eine Frage stellt, oder zu seinem Autorenkollegen Albert Ostermaier, der die deutschen Passagen vorträgt. Immer wieder schnellt eine Hand des 40-jährigen Sizilianers heraus – flink, präzise, da ein Schnippen, dort eine Geste zum Unterstreichen des Gesagten. Dazwischen: Hand aufs Herz. Großes Pathos, großes Kino.

Keine Frage: Da sitzt ein Boxer. Doch eigentlich arbeitet Enia als Schauspieler, Dramaturg, Regisseur – und hat mit „So auf Erden“ seinen Debütroman vorgelegt, den er jetzt Literatur-, Italien- und Boxsportfreunden vorstellte.

In einer Sprache, die zwischen Sattheit und Lakonie pendelt (ja, schon wieder!) erzählt Enia vom neunjährigen Davidù, der vaterlos in einer palermitanischen Boxer-Familie aufwächst. Dabei geht es bei weitem nicht nur um den Sport, sondern ums Küssen, um die erste Liebe, um die Mafia, den Weltkrieg, ums Erwachsenwerden. Kurz: Es geht darum, dem Leben einige funkelnde Augenblicke zu entreißen. Nichts anderes macht Enia auf diesen knapp 400 Seiten – seine Leser haben kaum Gelegenheit, sein Buch wegzulegen. Das räumt auch Ostermaier ein, obwohl der eigentlich „nach ,Törleß‘ keine Pubertätsgeschichten mehr lesen“ wollte.

Natürlich boxt Enia, sonst hätte er sein Buch nicht auf diese Art schreiben können. Als Autor, erzählt er, gehe es ihm darum, „inwieweit das Wort zu etwas Körperlichem“ werden könne: „Ich bin viel mehr Fleisch als Gedanke.“ Sprach’s, zog sich ein „Zaire ‘74“-Shirt des Münchner Boxwerks über, zur Erinnerung an den „Rumble in the Jungle“ zwischen George Foreman und Muhammad Ali, und ließ die Zuhörer mit einer Frage allein: Sollten sie erst den Roman lesen und sich dann zum Probetraining anmelden – oder umgekehrt?

Davide Enia:

„So auf Erden“. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Berlin Verlag, 384 Seiten; 19,99 Euro.

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