Der Medienkonflikt des Jahres

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„Das zerstörte Sommermärchen“: Der Skandal um angebliche schwarze Kassen im Zusammenhang mit der WM in Deutschland sorgt derzeit für Schlagzeilen. Foto: Klaus Haag

Eigentlich geht es um Fußball – doch vor allem zwischen „Spiegel“ und „Bild“ werden alte Grenzlinien neu gezogen. Von Günter Klein.

Die Sache ist persönlich geworden. Der ältere der beiden Herren muss sich gerade richtig aufregen. „Er ist einfach ungezogen“, sagt er über den jüngeren, er zeiht ihn einer „unverschämten Flegelei“, einer „ganz billigen Nummer“ und eines „miesen Stils der Auseinandersetzung“. Es geht um das Sommermärchen von 2006, um Geldströme aus schwarzen Kassen – doch es spricht ausnahmsweise mal nicht Theo Zwanziger (70) über seinen ungeliebten Nachfolger beim Deutschen Fußballbund (DFB), Wolfgang Niersbach (64), sondern Helmut Markwort (78) über Klaus Brinkbäumer (48). Oder: der Herausgeber des „Focus“ über den Chefredakteur des „Spiegel“. Die große Fußballgeschichte des Jahres ist auch der Medienkonflikt des Jahres.

Vor zwei Wochen hat „Der Spiegel“ alle überrumpelt mit dem Titel „Das zerstörte Sommermärchen“. Auch die „Bild“-Zeitung, deren Anspruch es ist, für alle Skandalneuigkeiten die erste Quelle zu sein. „Bild“ ist das Blatt Franz Beckenbauers – und auf die gewachsene Verbindung war auch diesmal Verlass. „Bild“ konterte mit seiner Version der Geschichte, verantwortlich zeichnete für sie im wesentlichen Alfred Draxler (62), der sich einer „Intensivrecherche“ rühmte.

Draxler ist der Sportmann im Hause Springer. Er leitete das Sportressort bei „Bild“. Draxler, glühender Fan des FC Schalke 04, stieg auf in die Chefredaktion, übernahm zuletzt auch den Ableger „Sport Bild“. Die Linie im Fall Sommermärchen: pro Beckenbauer, pro Niersbach, pro DFB.

Neben ihm wurde Franz Josef Wagner in Marsch gesetzt, der Seite-2-Kolumnist. Und so erhielt auch mal der „Spiegel“ eine „Post von Wagner“. Die Sätze des einstmals großen Magazins seien „wie auf Sand geschrieben“. Zuviel „mutmaßlich“, „soll“, „möglicherweise“. Die erste „Spiegel“-Geschichte war in der Tat vage gewesen.

Doch mit der zweiten („Der Fall DFB“) wurde nachgelegt – und sie zeigte, wie sehr sich der „Spiegel“ an der Ehre gepackt fühlte. Und Chefredakteur Brinkbäumer rügte in einem Kommentar die Cliquenwirtschaft der Branche Sport – und namentlich Draxler und Helmut Markwort als „Fans und Handlanger der Regierenden“. Markwort vom „Focus“ hatte zuvor gesagt, die „Spiegel“-Berichterstattung sei „ein journalistischer Offenbarungseid“.

Vor allem läuft der Kampf um die Deutungshoheit zwischen „Spiegel“ und „Bild“, es tun sich Gräben auf wie Ende der Sechzigerjahre – nur diesmal mit Fußball als Thema und nicht mit Rudi Dutschke.

Bei „Bild“ sind intern nicht alle glücklich mit der Pro-DFB-Linie, die Alfred Draxler als Kumpel und Duzfreund von Beckenbauer und Niersbach einschlug. Sogar eine rüffelnde SMS von Draxler an den „Spiegel“-Kronzeugen Theo Zwanziger wurde bekannt. Der Axel Springer Verlag sah sich schließlich veranlasst, seiner langjährigen Führungskraft beizustehen. Keinesfalls habe Kollege Draxler gegen den Verhaltenskodex verstoßen, wonach „redaktionelle Veröffentlichungen in keinem Fall durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen beeinflusst werden dürfen“. „Bild“ attestiert „Bild“, es sei keineswegs einseitig berichtet worden.

Die Geschichte, was wirklich geschah, damit die WM nach Deutschland kam, ist noch nicht zu Ende erzählt, auch der journalistische Wettlauf um die Wahrheitsfindung geht weiter. Und so mancher Zwist zwischen Journalisten – wobei Wurzeln tief gründen können. Der heutige „Spiegel“-Chef Brinkbäumer, ausgebildet beim „Weltbild“ in Augsburg, war als Jungredakteur 1993 „Focus“-Mann der ersten Stunde, zuständig für Sport – unter dem Chefredakteur Markwort. Drei Monate nach dem Start des Magazins wechselte er zum „Spiegel“.

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