„Mediale Inszenierung“

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Widerspruch der Mitdiskutanten: Eva Kor (81), die als Kind das KZ Auschwitz überlebte, war am Sonntagabend zu Gast in der ARD-Polittalkshow von Günther Jauch. Sie plädiert für einen Dialog zwischen Tätern und Opfern. Foto: dpa

ARD . Eva Kor, die als Auschwitz-Opfer dem Ex-SS-Mann Oskar Gröning verzeiht, stößt auch bei „Günther Jauch“ auf Kritik.

Von Michael Evers

Es ist eine kaum vorstellbare Geste des Vergebens. Im Konzentrationslager Auschwitz musste Eva Kor grausame Experimente des KZ-Arztes Josef Mengele über sich ergehen lassen – 70 Jahre später reicht die Überlebende dem im niedersächsischen Lüneburg angeklagten ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning die Hand zur Versöhnung. Dies sorgt für Protest bei Dutzenden anderen Überlebenden, die als Nebenkläger auf Gerechtigkeit für fast 1000 in Auschwitz ermordete Familienmitglieder pochen. Kor inszeniere ihr „Verzeihen und Vergeben“ immer wieder in der Öffentlichkeit, lautet der Vorwurf.

Dieser Vorwurf erhielt am Sonntagabend bei „Günther Jauch“ neue Nahrung. Knapp 3,6 Millionen Fernsehzuschauer sahen in der ARD-Polittalkshow (Thema: „Der Fall Gröning – was bringt der Auschwitz-Prozess von Lüneburg?“) ein Foto der Versöhnungsgeste, bei der Kor sich zu dem Angeklagten hinbeugt und ihn in den Arm nimmt, und hören sie argumentieren, dass Gerichtsverfahren gegen nationalsozialistische Verbrecher der falsche Weg seien. Für ihr Vergeben sieht sie keine Alternative. „Auch wenn jeder Nazi gehenkt würde für seine Verbrechen, mein Leben wäre immer noch das gleiche. Ich wäre immer noch Waise, eine Überlebende schrecklicher Experimente, für die ich den Preis zahlen musste.“ Stattdessen plädiert sie für einen Dialog von Tätern und Opfern, um zu einer besseren Welt zu gelangen.

„Als Nebenklägerin im Namen der Ermordeten aufzutreten, öffentlich das Strafverfahren abzulehnen und die Rolle der Nebenklägerin zur medial inszenierten persönlichen Verzeihung nutzen – das passt nicht zusammen“, empören sich die Anwälte der Nebenkläger, Cornelius Nestler und Thomas Walther.

Der Vorwurf der Inszenierung ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Erstmals habe sie Gröning am ersten Prozesstag am Dienstag unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Hand gereicht. Dieser sei im selben Augenblick aber wegen eines Schwächeanfalls weggesackt, sagte Kor. Am Folgetag verliest sie dann vor Gericht eine Erklärung, in der sie sagt: „Ich habe den Nazis vergeben.“ Am Donnerstag geht sie erneut auf den Angeklagten zu, wiederholt ihre Geste – und lässt sich von ihrem Anwalt dabei fotografieren. Das Bild findet dann seinen Weg in die „Günther Jauch“-Sendung und viele Printmedien.

Dort erntet die 81-Jährige den Widerspruch der anderen Diskutanten. Sie könne jeden Überlebenden verstehen, der sagt, er wolle mit den Tätern nichts zu tun haben, so die Journalistin Gisela Friedrichsen, die für den „Spiegel“ über den Prozess gegen Gröning berichtet. Bundesjustizminister Heiko Maas betonte, Gröning habe kein Recht auf einen ruhigen Lebensabend. „Für Gerechtigkeit darf es nie zu spät sein“, so der SPD-Politiker, der kritisierte, dass der Prozess so spät stattfinde. Schon bald nach dem Krieg war Gröning im Prozess gegen einen anderen SS-Mann als Zeuge geladen, im Jahr 1985 wurde kurzzeitig auch gegen ihn selbst ermittelt, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren aber schon bald wieder ein. Maas sprach von einem „Versagen der Justiz“.

Lediglich der Historiker Michael Wolffsohn äußerte sich vorsichtig skeptisch, „dass durch Recht Gerechtigkeit erreicht werden kann“. Es gebe im Grunde keine angemessene Strafe für die „einzigartigen“ Verbrechen der Nazis. Jede Haftstrafe sei „läppisch“, wenn man an die Zahl der Opfer denke.

„Unsere Mandanten sind Nebenkläger geworden, weil sie für ihre ermordeten Eltern und Geschwister Klage führen wollen“, erklärten die Anwälte von insgesamt 49 anderen Überlebenden. Sie könnten dem Angeklagten die Mitwirkung am Mord von 300 000 Menschen in Auschwitz nicht verzeihen, zumal er sich frei von Schuld im strafrechtlichen Sinn fühle.

„Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei“, hatte Kor in der vergangenen Woche vor Gericht betont. Ihr Verzeihen nannte sie einen Akt der Selbstheilung und Selbstbefreiung. Die 81-Jährige hatte mit ihrer Zwillingsschwester grausame medizinische Experimente in Auschwitz überlebt, ihre Eltern und übrigen Familienmitglieder starben dort.

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