IN BERLIN-MITTE SOLL FÜR EIN KUNSTPROJEKT EINE STADT IN DER STADT ENTSTEHEN – BEGRENZT VON EINEM WALL

Die Mauer muss her

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EXPERIMENT AN PROMINENTEM ORT . von caroline bock.

Niemand hat mehr die Absicht, eine Mauer zu errichten. Oder doch? In Berlin wird ein geheimnisumwittertes Kunstprojekt vorgestellt, und das hat prominente Unterstützung. In diesem Herbst soll es dort eine Stadt in der Stadt geben, abgeriegelt von einem Nachbau der Mauer. Viel wurde schon über das eigenwillige Film- und Kunstprojekt „Dau Freiheit“ diskutiert. Jetzt haben die Veranstalter Details verraten. So soll es für die Besucher täglich 1500 bis 3000 „Visa“ geben, die ab 15 Euro zu haben sind. Das Projekt kostet insgesamt 6,6 Millionen Euro.

Eine Genehmigung der Behörden gibt es allerdings noch nicht. „Wir sind da mittendrin“, sagte Veranstalter Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele. Trotz der Mauer solle es keine „Disney-DDR“ werden. Kostümierte Darsteller wie am ehemaligen Grenzübergang Checkpoint Charlie wird der Besucher also nicht treffen. Es geht den Organisatoren um eine Reise in ein fremdes Land und das Gefühl des Freiheitsverlusts – nicht konkret also um die DDR oder die Sowjetunion.

Hintergrund des Projekts ist ein Filmexperiment des russischen Regisseurs Ilja Khrzhanovsky, für das bis zu 400 Menschen zwischen 2009 und 2011 auf eine Zeitreise zurück in die Sowjetunion gingen und abgeschnitten von der Außenwelt auf 12 000 Quadratmetern in der Ukraine lebten. Den Angaben zufolge befanden sie sich dort am Set eines „geheimen wissenschaftlichen Instituts“, das sich an einer solchen Einrichtung der Sowjetunion orientierte.

Wie berichtet wird, mussten die Teilnehmer sich kleiden, ausdrücken und verhalten, als lebten sie in der Sowjetunion. Für die Nutzung von Sozialen Medien und Handys gab es Strafen. Auch mussten sie unbequeme Unterwäsche tragen und Dosen-Essen zu sich nehmen. „Sie verliebten sich, haben Freunde verraten, ihre Partner betrogen, führten Experimente durch, wurden verhaftet, bekamen Kinder und wurden älter“, teilten die Veranstalter mit.

Bei dem Experiment entstanden 700 Stunden Filmmaterial und 13 Filme sowie mehrere Serien. Die Produktionen sollen nun bei der vierwöchigen Installation in Berlin gezeigt werden. Auch die Performance-Künstlerin Marina Abramovic und der Filmemacher Tom Tykwer sind an der Aktion beteiligt.

Tykwer („Lola rennt“) fungiert als Berater. Er sprach von einem „Mythos“. Es werde etwas entstehen, das man erleben und nicht konsumieren werde. „Ich bin auf sehr liebevolle Weise vor Neid erblasst.“ Die Kuratorin des ebenfalls beteiligten Schinkel-Pavillons, Nina Pohl, freute sich angesichts der Debatte über den „Skandal im Sperrbezirk“. Sie fühle sich an Kunst von Joseph Beuys und Christoph Schlingensief erinnert.

Nachdem das Projekt in den Vorjahren aus verschiedenen Gründen an der Volksbühne nicht zustande kam, ist nun das Kronprinzenpalais am Boulevard Unter den Linden zentraler Ort für die Filmvorführungen. Die Kunststadt soll das Gelände von der Bertelsmann-Repräsentanz bis zur Staatsoper umfassen inklusive Bauakademie und Schinkelplatz. Veranstaltungen sind an mehreren Orten geplant, auch ein Shakespeare Theatre wird aufgebaut. Über die Mauer soll man mit Aussichtsplattformen nach draußen schauen können.

Die Besucher fürfen sich online anmelden und tauschen ihr Handy gegen ein Smartphone ohne Netz. Das Gerät schickt jeden Gast auf eine personalisierte Reise zu Performances mit Marina Abramovic oder Carsten Höller, zu Konferenzen mit Wissenschaftlern oder zu Konzerten. Auch Pianist Igor Levit soll dabei sein. Über eine Beteiligung von Streetart-Legende Banksy wird noch gemunkelt.

Die Anwohner seien eingebunden worden, sagt Produzentin Susanne Marian. Der Alltag im Viertel solle für die Nachbarn so stressfrei wie möglich weitergehen. Opern- und Konzertbesucher haben Extra-Eingänge. Finanziert wird „Dau“ von der in London ansässigen Stiftung Phenomen Trust, die von dem russischen IT-Unternehmer Sergei Adoniev gegründet wurde. Weitere Stationen sind Paris (November 2018) und London (Anfang 2019). In Berlin ist die Weltpremiere am 12. Oktober. Am 9. November, dem 29. Jahrestag des Mauerfalls, soll der Wall wieder fallen. „Mauerspechte“ dürfen Andenken klopfen.

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