Markus Lanz, ZDF

Corona oder Rassismus? Markus Lanz bedient lieber den Boulevard

Markus Lanz bedient in seiner letzten Sendung den Boulevard.
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Markus Lanz bedient in seiner letzten Sendung den Boulevard.
  • vonD.J. Frederiksson
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Nach turbulenten Wochen und Monaten findet die Lanz-Redaktion die Luft wieder rein genug, um voll in den Boulevard zu gehen.

  • Bei Markus Lanz scheint Rassismus und Coronavirus* Vergangenheit. 
  • Im ZDF-Talk* thematisiert Markus Lanz lieber den Fall Madeleine McCann.
  • Ein Schauspieler schraubt das Niveau nach oben. 

So sieht sie dann wohl aus, die Rückkehr zur Normalität: Das Corona-Virus breitet sich weltweit rapide aus – aber hierzulande scheint das Thema erstmal durch. In den USA toben die größten Massenproteste seit den 60ern, und der dortige Präsident liebäugelt mit dem blanken Despotentum – das ist eine Viertelstunde Bericht wert, aber keine Diskussion. Und nachdem die Anti-Rassismus-Welle in den letzten beiden Wochen auch die Talkshows im „weißen deutschen Fernsehen“ erreicht hat und sich ein Redakteur von Markus Lanz mit unglücklichen Bemerkungen dazu blamiert hat, scheint auch dieses Thema erstmal aus den Augen, aus dem Sinn.

Markus Lanz (ZDF) widmet sich wieder dem Boulevard

Und so geht es nach einer kompetenten Viertelstunde USA-Brennpunkt vom ZDF-Washington-Korrespondenten Elmar Theveßen direkt in die Boulevard, und wir dürfen uns endlich wieder an den grausigen menschlichen Einzelschicksalen anderer weiden. Eine halbe Stunde lang werden die wenigen neuen Entwicklungen im Fall der vor 13 Jahren verschwundenen Madeleine McCann erläutert – aber vor allem lang und breit noch einmal die Details von damals ausgewalzt.

Dafür ist sich die Sendung wirklich keiner Peinlichkeit zu schade: nachgestellte Szenen von schockierten und weinenden Eltern, superdramatische Streichermusik für maximale emotionale Wirkung. Und zwischendrin Markus Lanz, der der „Stern“-Journalistin Cornelia Fuchs ständig ins Wort fällt, als wäre er der Leiter einer Boulevard-Schulung, der stets die manipulativsten Adjektive dazwischenbrüllt: Das junge Gesicht des Kindes? „Puppenhaft!“, kräht Lanz. „Engelsgleich!“ Und immer für den Zuschauer reden! „Wenn man tief in sich selbst reinschaut, bemerkt man, welche Narrative man da zu glauben bereit ist“, flötet Markus Lanz*. Gesellschaftlicher Erkenntniswert oder journalistische Relevanz? Null.

Markus Lanz (ZDF) auf dem Boulevard-Trip im Fall Madeleine McCann

Diese Boulevardisierung ist so absurd hochgeschraubt, dass sie sogar der eigenen Erzählung im Weg steht: eine Videoaufzeichnung der Eltern, die beweisen soll, wie abgeklärt und gefühlskalt diese damals erschienen, wird mit der gleichen Streicherpampe unterlegt – ja, sollen wir jetzt was fühlen oder nicht?! Nachdem Lanz fast eine halbe Stunde lang Formulierhilfe geleistet und emotionale Ausrufe abgefeuert hat, grunzt er abschließend zufrieden: „Das war sehr bewegend!“ Und gleich danach: „Wir reden jetzt tatsächlich über Speisefisch.“

Auch Thema bei Markus Lanz (ZDF): Massentierhaltung

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet der Schauspieler Hannes Jaenicke die journalistische Integrität einer nächtlichen Talkshow hochhält? Aber an einem Abend, an dem Markus Lanz zum bloßen Reaktions-Zwischenrufer degradiert wird, hält Jaenicke einen erstaunlich ruhigen, kompetenten und vor allem menschlich nachvollziehbaren Vortrag über seine Entdeckungen bei den Dreharbeiten zu einer Dokumentation über die ökologisch katastrophale Lachs-Massenhaltung. 

In einer Sendung, die nach all den Wochen wichtiger Informationsvergabe sichtlich erleichtert ist, endlich wieder in die dunkelsten Boulevard-Tiefen abtauchen zu können, sind ausgerechnet die Taucherbilder vom Grund der norwegischen Fjorde das rettende journalistische Feigenblatt. Der Appetit war einem vorher schon vergangen, aber immerhin wurde der Wissensdurst hier ein wenig gestillt.

Von D.J. Frederiksson

*fr.de und 24hamburg.de sind Teil des bundesweiten Ippen-Redaktionsnetzwerks

In der jüngsten Sendung gab es mal wieder Ärger. Außerdem hat Markus Lanz nicht richtig zugehört.

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