ROSSINIS „L’ITALIANA IN ALGERI“ MIT CECILIA BARTOLI ALS GRANDIOSE MACHO-SATIRE BEI DEN SALZBURGER PFINGSTFESTSPIELEN

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Eine so preiswürdige wie detailwütige Ausstattung: Isabella (Cecilia Bartoli) zieht auf einem lebensgroßen Plüschkamel im Algier von heute ein. foto: monika rittershaus

Ein Desaster ist dieser Abend. Für Sozialforscher, Historiker, TV-Talker und andere Thesenrauner.

Den Kulturenclash, im Zeitalter der Touristen- und Flüchtlingsmigration gern als Thema genommen, den gibt es nämlich nicht. Dass Kirchturm und Minarett sich architektonisch ähneln, weil beide dasselbe höhere Wesen meinen, mag einleuchten. Entscheidender ist aber: Ob Rom oder Algier, München oder, sagen wir, Bagdad – die Mannsbilder sind alle gleich. Der Machismo als gemeinsame Leitkultur, vor allem das nimmt man mit aus einer Aufführung, die zum Besten gehört, was Salzburg in diesen Jahren so bescherte.

Sicher: Gioachino Rossinis „L’italiana in Algeri“ ist „nur“ eine Komödie. Pfingstfestspieltauglich? Und geeignet fürs kommende Sommerfestival? Unbedingt. Vorausgesetzt, man lässt die übliche Chargenparade hinter sich, so wie es das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier im Haus für Mozart getan hat. Natürlich wird heftig draufgedrückt, nicht zuletzt bei der Ausstattung (Bühne: Christian Fenouillat, Kostüme: Agostino Cavalca). Die ist so detailwütig wie preiswürdig von der Wasserpfeifen-Batterie über den angerosteten Benz, die Satellitenschüssel-Fassade, die lebensgroßen Steifftiere bis zu den Sesseln, die im ersten Finale, wenn das Stück in den Irrsinn abhebt, über die Bühne kurven.

Am Ende wird sogar die Fluchtjacht Isabellas hereingeschoben mit der Italienerin am Bug. Eine Opernselbstparodie und Giga-Pointe, so verschwenderisch wie wahr: Ohne Cecilia Bartoli als Galionsfigur könnte man die Pfingstsause unterm Mönchsberg ohnehin vergessen. Die Isabella ist für sie, die doch mit Rossini ihre Karriere startete, ein szenisches Debüt. Dass die Stimme der Bartoli noch herber, charaktervoller geworden ist, passt gut. Isabella ist nicht neckischer Spielball wie andere Rossini-Damen, hier operiert die Chefin. Und dies mit all dem Vokalzierrat aus dem Technikwerkzeugkasten, von dem die Kolleginnen nur wunschträumen.

Man mag sich nicht sattsehen und -hören: die gegurrten Koloraturen beim Zärteln mit dem hellstimmigen, höhensicheren Lindoro des Edgardo Rocha. Die Tonkaskaden über zwei Oktaven. Die hanebüchenen Verzierungen in den Da Capi. Die kluge Disposition, wenn eben nicht im Hit der Auftrittsarie das Feuerwerk abgebrannt wird, sondern erst im dramatisch gesteigerten „Pensa alla patria“. Dazu eine wie absichtslos entblößte Schulter hier, ein Zwinkern da – kampflos strecken Parkett, Ränge und die Kerle auf der Bühne die Waffen.

Dass alles nicht im Orientmuseum spielt, versteht sich von selbst. Der Macho von heute trägt nicht Turban, sondern die Uniform der Straßengangs: den Trainingsanzug oder, im Falle Mustafàs, den Bademantel mit Schlappsandalen. Entscheidend bleibt für all die Kerle ja nicht, ob die Kleidung nach der Geschmackspolizei verlangt, sondern ob das Ding darunter noch funktioniert. Bei Mustafà jedenfalls nicht mehr richtig. Aus der Ehe mit Elvira, das erfahren wir während der Ouvertüre in einer hinreißenden, punktgenau choreografierten Schlafzimmerszene inklusive Flucht des Mannes aufs Klo, ist die Luft raus.

Moshe Leiser und Patrice Caurier können Komödie. Und noch viel mehr: den – angeblichen – Flachreliefs des Rossini-Personals Tiefe, Doppelbödigkeit und Vergangenheit geben. Diese „L’italiana in Algeri“ ist deswegen so gut, weil sie eine Mozartisierung Rossinis betreibt. Am besten im Falle Mustafàs, den Peter Kálmán mindestens auf Augenhöhe der Bartoli gestaltet. Auch in den Koloraturen, die – wie bei Bässen sonst oft – nicht ins Kollern oder Diffuse missraten, sondern tatsächlich gesungen werden. Vieles ist dieses Alphatier. Genervter Gatte, hormongesteuerter Bär, vor allem ständig verunsichert. Kálmán agiert perfekt auf dem Grat zwischen Knallcharge und Tragikomödie. Wer erlebt hat, wie sich bei diesem Mannsgebirge die Augen ungläubig weiten und der Unterkiefer senkt, auf dass es bald aus dem Mundwinkel tropft, der weiß, wie liebeskrank aussieht.

Auch sonst ausschließlich Punktbesetzungen. Rebeca Olvera macht die Elvira fast zur Protagonistin, José Coca Loza ist ein luxuriöser Haly, Alessandro Corbelli als Taddeo ein Komödiant aus dem Rossini-Musterbuch, der eher unterspielt, statt nach Lachern zu fischen. Einziger Regie-Fehler: Kurze Hose, Wadlsonnenbrand, Wimmerlgürtel mit Wertsachen – so sehen nicht Italiener aus, sondern Teutonen auf Städtetrip. An den Klang des Ensemble Matheus mit seinen historischen Instrumenten muss man sich gewöhnen. Was fehlt, sind Fülle und Tiefenresonanzen. Was gewonnen wird: ein holziger, skelettierter, perkussiver Sound, eine andere, aufregende, ungehörte Orchesterbalance, auch Phrasierungen, die als Zusatzpointen die Bühne ergänzen. Jean-Christophe Spinosi dirigiert einen quasi ungeschönten, unbrillanten Rossini und riskiert in den Ensemblenummern einen Drive, der die Partitur in den Wahnwitz überdreht.

Für Normalaufführungen mag das Finale etwas plötzlich kommen. Doch Mustafà, am Ende wieder in den Armen seiner Elvira, das ist hier völlig logisch. Die von ihm vorübergehend inhaftierte Isabella ist weniger Zentralgestirn des Stücks, sondern Katalysator, eine pikante Art der Beziehungstherapie. Mit dem Fußballteam ihrer Azzurri geht es retour ins Land des Stiefels, wo es in Sachen Emanzipation noch einiges zu tun gibt. Erst wenn auch der letzte Kerl im Sitzen pinkelt, ist das Zeitalter des Machismo schließlich vorbei.

Nächste Aufführungen

am 8., 11., 14., 16. und

19. August (alle ausverkauft), Restkarten eventuell unter Tel. 0043/ 662/ 8045-500.

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