Mandelöl und Säure

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Hat zwei Vögel: Sam Beam. fkn

Sam Beam alias „Iron & Wine“ in den Münchner Kammerspielen. Von Johannes Löhr.

Der Liedermacher an sich ist eine Gattung, die für großes Gähnen sorgen kann: ein Mann, eine Klampfe, eintöniges Gesäusel, eingeschlafene Füße. Auch der Amerikaner Sam Beam (40) alias „Iron & Wine“ ist ein Liedermacher. Aber einer, der mit Engelszungen singt, dabei flucht und Witze reißt wie ein Bierkutscher und seine Westerngitarre mit Groove zupft. Ein enttäuschter Romantiker, der in seinem Vollbart ganze Schwalbenfamilien beherbergen könnte. In den Kammerspielen verzaubert er sein Publikum solo.

Wobei verzaubern es nicht ganz trifft. Sam Beam zieht das Publikum in seinen Bann, gerade weil er Brüche erzeugt, wo die Musik womöglich kitschig klingen könnte. Natürlich singt der Mann mit einer Stimme wie Mandelöl herbstliche Balladen wie „Naked As We Came“ oder „Tree By The River“. Aber kaum ist der letzte Akkord verklungen, nuschelt er „Alright!“, als wollte er sagen: „So, jetzt hätten wir das auch.“ Er lädt die Leute ein, sich Songs zu wünschen und knurrt dann entweder „Fuck it, why not?“ und spielt das Lied oder aber „Fuck it, this is my stage!“ – und spielt, was ihm in den Sinn kommt.

Sein hartgesottener Humor weist Bean letztlich als traurigen Zyniker aus. Im neuen Song „Waves Of Galveston“ singt der Vater von fünf Töchtern, dass da nichts ist, was einen auffängt, wenn man fällt. Und Liebe? „Love Is A Crying Baby Mama Warned You Not To Shake.“ Wenn’s zu romantisch wird, soll sich das Publikum einfach David Hasselhoff mit Kettensäge vorstellen. Und als ihm ein Publikumswunsch nicht einfällt, ätzt er: „Songs sind wie Freunde. Manche magst du, manche magst du nicht – behauptest aber dass du sie magst. Und sie mögen dich auch nicht.“ Starker Tobak zu himmlischen Melodien. Noch himmlischer wird’s, als Beam Jessica Hoob auf die Bühne holt, die im Vorprogramm gespielt hat und die auch so eine Kokosbutter-Stimme hat. Im Duett singen die beiden düstere Zeilen so süß, dass sie Steine erweichen könnten.

Am Ende hat man einen Liedermacher erlebt, der so gar nicht ist wie die meisten anderen – und doch die Krone seiner Gattung.

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