„Manches ist knüppelhart“

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Florian Stetter ist am Mittwoch ab 20.15 Uhr als KZ-Gefangener Pippig zu sehen.

Interview   . Florian Stetter über den ARD-Film „Nackt unter Wölfen“ und den Dreh in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald.

„Nackt unter Wölfen“ ist eine TV-Adaption des gleichnamigen Romans von Bruno Apitz, der selbst das Konzentrationslager Buchenwald überlebte. In der DDR galt das Buch als Klassiker der antifaschistischen Literatur. Die Defa-Verfilmung von Frank Beyer von 1963 schrieb Kinogeschichte. Der Münchner Florian Stetter (37, ,Die geliebten Schwestern“) ist an diesem Mittwoch ab 20.15 Uhr in der sehenswerten Neufassung in der Hauptrolle des kommunistischen KZ-Häftlings Pippig zu sehen.

-Kannten Sie den Roman von Bruno Apitz vor dem Projekt?

Nein. Ich habe schnell gemerkt, dass es eine Fraktion aus dem früheren West-Deutschland gibt, von denen kannte das Buch niemand. In der Fraktion von den in Ostdeutschland Aufgewachsenen kannten es fast alle. Ich wohne im ehemaligen OstBerlin, da ist es jedem ein Begriff. Ein Freund meinte, das Buch und besonders auch der Film seien eine Art Nationalheiligtum gewesen.

-Der Roman passte mit seinem Beschwören des antifaschistischen Widerstandskampfes gut ins DDR-Regime.

Der Originalroman wurde nach seiner Veröffentlichung in diesem Sinne zensiert. Für den Film wurden noch einige Passagen rausgelassen, um die Rolle der kommunistischen Häftlinge zu stärken. Man wollte in der DDR eben zeigen, dass der Kommunismus genau dafür steht: für Menschlichkeit, Mut und den ehrlichen Kampf gegen den Faschismus. Deswegen durften die damals auch in Buchenwald drehen. Das war ein Tabu. 2012 erschien eine erweiterte Neuauflage des Romans. Auf dieser Grundlage hat Stefan Kolditz sein Drehbuch geschrieben.

-Man hat den Eindruck, es wird nicht so dogmatisch verhandelt...

Der Film ist nicht so dogmatisch. Es sollte nicht so einseitig werden, es gibt eben nicht nur Gut und Böse. Der erste Film wurde für die Zwecke der DDR gedreht und erfüllte sie ja auch. Aber wir wollten diese Geschichte komplexer erzählen. Auch über die Häftlinge natürlich, aber genauer, wie sie den Lageralltag überleben mussten. Welche verschiedenen Häftlingsparteien es gab. Das „Kleine Lager“ zum Beispiel, das ja wirklich das Schrecklichste war, wo die Leute zum endgültigen Dahinsiechen hineingepfercht wurden, von dem wurde im Beyer-Film gar nichts erzählt.

-In der Gedenkstätte Buchenwald durften Sie auch drehen. Wie war das?

Der Hauptdreh fand in Tschechien statt, in der Nähe von Prag. Dort wurde ein Teil des Konzentrationslagers nachgebaut. Wir waren da ganz ungestört, es war wie in einem geschützten Raum, das war sehr angenehm. Die letzten Drehtage waren wir dann in Buchenwald. Gedreht wurde unter anderem die Szene, in der wir aus dem Lastwagen getrieben wurden und durch das Tor ins Lager hineinliefen. Und du wusstest: Genau so hat das hier stattgefunden. Da standen die Nazis mit ihren Hunden, es war unfassbar laut, und plötzlich war das nicht mehr nur einfach Film. Da bricht eine ganz seltsame Realität ein. Diese Bilder, auch schon durch die intensive Vorbereitung zuvor – plötzlich ist das alles ganz nah an einem dran.

-Wie bereitet man sich auf eine solche Rolle vor?

Ganz toll war, dass der Regisseur Philipp Kadelbach, Drehbuchautor Stefan Kolditz, Produzent Benjamin Benedict und ich zu einem Buchenwald-Überlebenden gefahren sind. Rolf Kralowitz ist heute über neunzig Jahre alt, aber noch vital, auch vom Denken her. Er konnte das sehr plastisch beschreiben. Für mich war das ein entscheidender Weg in den Dreh hinein, weil er einfach erzählte, wie das war. Klar und sachlich. Das war wichtig für mich, und auch die Arbeit mit den verschiedenen Gewerken. Zum Beispiel mit der Kostümabteilung, mit der man schon früh überlegt hat, wie die Kostüme aussehen sollten. Das fand alles Wochen vor Drehbeginn statt. Die Abteilungen selbst haben natürlich noch früher angefangen, und wenn man dort hinein kam, hingen schon alle Wände voll mit Originalfotos von Häftlingen in den jeweiligen Kleidern, daneben Stoffproben, Schuhe. Zum Teil waren das Originalstoffe. Das war auch immer wie eine Geschichtsstunde und hat mir viele Fragen beantwortet.

-Welche Fragen hatten Sie denn?

Wie haben sich die Gesichter und die Körperhaltung verändert? Wie hat man sich überhaupt bewegt im Lager? Wenn man sieht, wie geschunden die Häftlinge waren, wird einem vieles für das eigene Spiel klarer. Dieses Scheren allein, wenn einem die Haare abrasiert wurden, das war ja nicht mit einer Schere erledigt worden, sondern mit einem Folterinstrument, einer Art Abschaber. Gespräche mit dem Regisseur führt man auch, aber nur das und Bücher lesen, das reicht nicht. Man muss das plastisch machen. Die Amerikaner haben die Befreiung von Buchenwald aufgenommen. Den Film musste sich die Weimarer Bevölkerung auch ansehen. Solches Material hilft enorm.

-Wie war die Stimmung am Set?

Anders als es sonst oft der Fall ist. Wir sind alle sehr vorsichtig und behutsam miteinander umgegangen. Das hatte sicher auch mit der sorgfältigen und ausführlichen Art zu tun, mit der Regisseur Philipp Kadelbach uns vorbereitet hat. Das hat mir gut gefallen. Nie zu schnell und zu fordernd, sondern immer ganz in Ruhe. Er hat uns deutlich gemacht, was wichtig ist und wo wir da eigentlich gemeinsam hinkommen wollen. Auch bei ganz großen Szenen hatte er noch den Blick für das Kleine, für die Details, die ja vielfach entscheidend sind.

-Haben die Dreharbeiten Ihre Sicht auf das „Dritte Reich“ verändert?

Mir war schon als Fünfzehnjähriger klar, um was für ein menschenverachtendes Regime es sich da gehandelt hat. Wir hatten einen Geschichtslehrer, der mit uns Exkursionen unternommen hat. Aber bei den heute Fünfzehnjährigen ist das eben anders. Für die ist ja schon der Mauerfall weit weg. Das war für mich ein Beweggrund, diesen Film zu drehen. Es ist eine Chance, an junge Leute heranzukommen und ihnen zu sagen: „Den Mauerfall gab es, aber davor gab es noch etwas, das war so schlimm, das könnt Ihr Euch nicht vorstellen. Aber Ihr müsst es wissen.“

-Der Film ist drastisch in manchen Szenen.

Manches ist knüppelhart. Das ist ein schmaler Grat, aber der Film behält die Balance. Dazu gehört es auch, die Brutalität und die Not zu zeigen. Aber eben nicht nur das. Die Kamera hält nicht nur drauf. Entscheidend ist, dass die Geschichte inmitten des Schreckens noch eine Visualität hat, dass man dran bleiben will. Kameramann Kolja Brandt hat das genial begriffen und umgesetzt. Das ist hoffentlich auch unser Schlüssel zu den jungen Leuten.

Das Gespräch führte

Ulrike Frick.

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