DER MÜNCHNER JESUITENPATER MARTIN STARK ÜBER MARTIN SCORSESES FILM „SILENCE“, DER AUF HISTORISCHEN TATSACHEN BASIERT

Auf dem Märtyrer-Grat

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INTERVIEW ZUM KINOSTART . Verstören könnte der neue Kino-Film „Silence“ von Martin Scorsese das deutsche Publikum.

Davon ist der Münchner Jesuitenpater Martin Stark überzeugt. Im Interview spricht der 48-jährige Ordensmann über den historischen Hintergrund des Stoffes und die aktuelle Bedeutung dieses Werks.

-Wie kommen die Jesuiten dazu, an einem Film von Martin Scorsese mitzuwirken?

Der Regisseur war Messdiener, Jesuiten unterrichteten ihn an einer Schule in New York. Für seinen Film, in dem es um ein dramatisches Kapitel unserer Ordensgeschichte geht, suchte er selbst Kontakt zu uns. Pater James Martin, der in den USA ein Magazin herausgibt, bloggt und mehrere Bücher geschrieben hat, begleitete die Dreharbeiten, dazu einige weitere Jesuiten, die in Taiwan in einer Filmproduktionsgesellschaft arbeiten. Was ich schön finde: Zwei Schauspieler haben bei Pater Martin Exerzitien gemacht, um sich auf ihre Rolle vorzubereiten.

-Was ist historisch an der Story?

Belegt ist der Glaubensabfall des portugiesischen Jesuitenprovinzials Cristóvão Ferreira nach seiner Folter im Jahr 1633 in Japan. Die von den damaligen Machthabern angeordnete Christenverfolgung war an einem Höhepunkt angelangt. Man hatte eine neue Hinrichtungsform erfunden, die „Grube“. Das Opfer wurde an den Füßen aufgehängt und der Kopf in einen Kübel mit Unrat getaucht. Die Körper wurden dabei zusammengeschnürt, um die Blutzirkulation zu verlangsamen und damit den Tod hinauszuzögern. Ferreira gab nach fünf qualvollen Stunden in der „Grube“ auf und schwor seinem Glauben ab.

-Wie hat Ihr Orden darauf reagiert?

Die Nachricht hat eine Riesenenttäuschung ausgelöst. Dieser Provinzial hatte vorher Märtyrerberichte nach Europa geschickt, die dort eine unheimliche Missionsbegeisterung auslösten. Durch seine Briefe konnte man miterleben, was Christen in fernsten Ländern alles aushalten müssen. Das hat junge Menschen dazu bewegt, in den Orden einzutreten. Jetzt wird ausgerechnet dieser Mann selber Buddhist, wenn auch unter Zwang. In Nagasaki wird er mit der Witwe eines chinesischen Kaufmanns verheiratet und erhält vom Gouverneur eine jährliche Rente. Er macht sich als Übersetzer nützlich, sein Name taucht als Zeuge bei anderen Glaubensabfällen auf.

-War seine Konversion echt?

Das lässt sich heute nicht mehr sagen. Später kursierten in Europa Legenden, wonach Ferreira am Ende seines Lebens widerrufen habe, erneut gefoltert und als Märtyrer gestorben sei. Was stimmt: In Japan hat das Christentum auch die in dieser Zeit einsetzende rund 250-jährige Abschottung vom Ausland überlebt. Im Untergrund.

-Was hat der Film uns heute zu sagen?

Letztlich geht es um den Glauben angesichts der Erfahrung schlimmster Gewalt. Wir haben die Bilder der Menschen vor Augen, die von islamistischen Terroristen geköpft wurden. Wie weit könnte ich das selbst aushalten, wie weit würde ich gehen, um meiner Religion treu zu bleiben? Wenn ich andere durch mein Abschwören vor Schlimmem bewahren könnte? Ich finde diese Fragen hochaktuell. Für uns in Europa sind sie aber eher irritierend, weil wir Religion herkömmlich als etwas Privates verstehen, das sich im stillen Kämmerlein abspielt.

-Papst Franziskus ist Jesuit geworden, weil er Missionar in Japan werden wollte. Da müsste er sich doch auch für diesen Film interessieren.

Er hat den zugrundeliegenden Roman eines japanischen Autors gelesen und war wohl fasziniert. Bei der Preview in Rom hat Franziskus auch Scorsese getroffen, als der Film 400 Jesuiten gezeigt wurde. Aber selbst gesehen hat er ihn offenbar nicht.

-Beim US-Publikum ist „Silence“ durchgefallen. Warum?

Darüber kann ich nur mutmaßen. Ein Kassenschlager wird er sicherlich auch bei uns nicht werden. Er lief nicht bei der Berlinale und hat bisher keinen großen Preis bekommen. Das liegt vermutlich an dem sperrigen Thema, es gibt auch kein Happy End. Das verstört den Kinogänger erst einmal und lässt ihn mit Fragen zurück.

Das Gespräch führte Christoph Renzikowski.

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