REINHARD KAISER-MÜHLECKERS ROMAN „FREMDE SEELE, DUNKLER WALD“

Männergeschichten

Von Johanna Popp „Fremde Seele, dunkler Wald“ heißt der Roman.

Tatsächlich ist, ihn zu lesen, als kämpfe man sich durch ein finsteres Dickicht, ein verzweigtes, dorniges Geäst depressiver Gefühle, die zu durchdringen nicht einmal die von ihnen Befallenen vermögen oder vielleicht: die erst recht nicht. Bei jenen handelt es sich um zwei Brüder, Alexander und Jakob, aufgewachsen auf einem Bauernhof in der österreichischen Provinz, in einer typischen Dorfstruktur.

Dort sitzen die Großeltern mit am Abendbrottisch, kurven die Halbwüchsigen mit frisierten Mopeds herum, und dort stellt das Wirtshaus den Treffpunkt dar, an dem man zusammenkommt, um zu trinken und nicht zu reden, oder wenn doch, dann aufgeblasene, nichtssagende Sätze, denen keiner Beachtung schenkt. So wie Jakob Alexander keine Beachtung schenkt, wenn dieser von seinem Alltag beim Militär erzählt. So wie Alexander dem Vater keine Beachtung schenkt, wenn dieser wieder eine neue Investitionsidee aufgetan hat, die den Bauernhof der Familie unweigerlich noch weiter in Richtung Bankrott bringen wird. Und so wie niemand Jakobs Freund Markus Beachtung schenkt, der seit Jahren mehr oder weniger deutlich seinen Suizid ankündigt.

Reinhard Kaiser-Mühlecker erzählt eine klassische Männergeschichte, die ein wenig aus der Zeit gefallen scheint, tatsächlich aber wohl gegenwärtiger ist, als man es sich vorstellen mag. Frauen kommen nur am Rande vor – als Projektionsflächen von Begierde und Hass, aufgebürdete Verpflichtungen oder Objekte zur Ablenkung oder Befriedigung des Sexualtriebs. Geliebt wird wenig in dieser dunklen Erzählung, und wenn doch, so bleibt die geliebte Person ebenso unverständlich und konturenlos wie eigentlich alles, was Jakob und Alexander zu umgeben scheint. Auch die Brüder selbst, die versuchen, dem Alltag und dem vorgezeichneten Weg zu entkommen, schaffen es nicht, sich miteinander zu verbünden. Sie verstehen den anderen nicht, verstehen sich selbst nicht und machen damit auf eigenartige Weise ihren Frieden.

Dennoch gelingt es dem Autor trotz der allgegenwärtigen Traurigkeit, die über seinem Text liegt wie ein dunkles Tuch, seine Geschichte in einem steten Fluss zu erzählen. Man möchte sich nicht abwenden von dem frustrierenden Dasein, das Jakob führt, verfolgt Alexanders unentschlossenen Lebensweg, hegt sogar Interesse für die anderen Figuren, obwohl die allesamt wie blasse Aquarelle im Hintergrund bleiben. So schlägt man sich weiter durchs Dickicht, hoffend und sich wundernd über all diese stummen, mit ihrem Schicksal ringenden Seelen, bis man zumindest mit einem der beiden Brüder daraus hervorbricht, auftaucht aus der Düsternis, als sei soeben die Sonne durch die Wolken gebrochen.

R. Kaiser-Mühlecker:

„Fremde Seele, dunkler Wald“. S. Fischer, Frankfurt a. M., 304 Seiten; 20 Euro.

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