Luther beim Abendmahl

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Lucas Cranachs d. J. Gemälde mit dem Motiv des Letzten Abendmahls. Es schmückt die Mitteltafel des Reformationsaltars in der Wittenberger Kirche St. Marien – und zeigt auch Reformatoren sowie den Maler als Mundschenk. Foto: Juergen Pietsch

Sachsen-Anhalt zeigt seine Landesausstellung „Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters“ in Wittenberg. VON SABINE DULTZ.

Wie wohl wäre das Leben des jungen Lucas Cranach verlaufen, wenn sich nicht schicksalhaft zwei Ereignisse in die familiäre Existenz gedrängt hätten? Zum einen war das der frühe Tod seines älteren Bruders Hans, der während einer Italienreise mit Mitte 20 in Bologna starb und an dessen Stelle nun Lucas in die so berühmte Werkstatt des Vaters trat. Zum andern war es die Loyalität des Vaters, Lucas Cranach des Älteren (1472–1553), der 1549 seinem Kurfürst Johann Friedrich nach verlorener Schlacht gegen Kaiser Karl V. in die Verbannung folgte, zunächst nach Augsburg, dann nach Weimar. Lucas Cranach der Jüngere war jetzt in seinem 35. Jahr, wurde Chef der Cranach-Werkstatt, schlüpfte in die Rolle des Hausvaters, übernahm auch all die anderen lukrativen Unternehmen wie Apotheke und Weinausschank. Und traditionell besetzte er Ämter wie das eines Ratsherrn, des Kämmerers und des Bürgermeisters.

Doch über allem stand die Kunst. Lucas Cranach, fortan „der Jüngere“ genannt, malte Porträts, widmete sich biblischen Themen und wurde so, mehr noch als sein Vater, zum Chronisten und Ikonografen der Reformation. Das alles ereignete sich im 16. Jahrhundert, zu Zeiten der Reformation, im Dunstkreis Martin Luthers und Philipp Melanchthons, in der Stadt Wittenberg, die damals das geistige und freie Zentrum humanistischer, religiöser, kirchlicher Erneuerung war. Wittenberg, zwischen Berlin und Leipzig an der Elbe gelegen, hat doppelten Grund zu feiern: 2017 das Luther-Jahr, dieses 500-jährige Jubiläum des Anschlags der 95 Thesen gegen Papsttum und Ablasshandel an die Pforte der Schlosskirche. Und den 500. Geburtstag Lucas Cranach d. J., der am 4. Oktober 1515 in Wittenberg geboren und am 25. Januar 1586 eben auch dort gestorben ist.

Ihm widmet nun Sachsen-Anhalt seine sehr sehenswerte Landesausstellung. Es tritt damit der Sohn erstmals aus dem großen Schatten seines weltberühmten Vaters. „Lucas Cranach der Jüngere – Entdeckung eines Meisters“ heißt die mit 120 Werken von Lucas Cranach d. J. bestückte Schau. Von überall her wurden die Exponate zusammengetragen, wie etwa die Porträtzeichnungen aus Reims, die seit Jahrzehnten nicht öffentlich gezeigt wurden, oder Gemälde aus Münchens Alter Pinakothek. Lucas Cranach d. J. galt lange Zeit als Epigone seines Vaters. Eine Einschätzung, die nicht aufrechtzuerhalten ist. Deutlich erkennbar ist ein neuer Stil, der den Übergang vom alten, zunächst katholischen Cranach zum protestantischen Sohn markiert.

Hervorgerufen durch die Reformation, hat sich die Bildsprache verändert. Den religiösen Themen fehlt jegliche Anbeterei. Mit der Ikonografie „Gesetz und Gnade“ hat die Cranach-Werkstatt das lutherische Glaubensbild schlechthin geschaffen. In der Mitte der Darstellung teilt ein Baum die Welt in den abgestorbenen und in den blühenden Teil, in eine strafende und in eine Gnade walten lassende Hälfte, in altgläubig und reformatorisch. Es manifestiert das neue Selbstverständnis der Gläubigen, das protestantische Selbstbewusstsein. Auf dem Gemälde „Das Abendmahl“, ein Epitaph für Fürst Joachim von Anhalt, datiert 1565, sitzen nicht etwa die Jünger am Tisch des Herrn, sondern Cranach hat hier zwölf Wittenberger Reformatoren Platz nehmen lassen, unter ihnen natürlich Luther und Melanchthon. Sich selbst hat Cranach, wie am Siegelring mit der geflügelten Schlange erkennbar, als Mundschenk an den rechten Bildrand platziert. Anrührende Direktheit und größte Meisterschaft lassen die Miniatur „Christus als guter Hirte“ zu einer Extra-Kostbarkeit der Ausstellung avancieren: Dargestellt ist in subtiler, reduzierter Grau-Braun-Farbgebung der sehr junge, den Bildbetrachter anblickende Heiland, der auf seinen Schultern das verlorene Lamm heimträgt. Ebenso faszinierend das Gemälde „Gekreuzigter Christus“ mit dem lebensgroßen, idealisierten Körper. Christus scheint unversehrt, er lebt, hat den Mund zum Sprechen geöffnet. Ein Gesicht voller Charakter. Zu bestaunen sind zudem zwei von Cranach ausgestattete Pracht-Bibeln.

So vielgestaltig und reich die Exponate, so sehenswert die Schauplätze, an denen sie gezeigt werden. Hauptort ist das Luther-Haus in Wittenberg; des Weiteren die Schlosskirche und das Cranach-Haus selbst. Aber auch Dessau und Wörlitz warten mit Cranach-Ausstellungen auf. Besonders sei hier noch ein Blick nach Sachsen gerichtet: Torgau. Auf dem Renaissanceschloss Hartenfels setzt die Schau „Luther und die Fürsten“ Maßstäbe für alle Ausstellungen zum Reformationsjubiläum. Und natürlich sind auch hier wunderbarste Cranach-Gemälde vertreten.

„Cranach der Jüngere“

in Wittenberg: bis 1. November, Mo.–Sa. 10–18 Uhr, So. 12–18 Uhr; Katalog, Hirmer Verlag: 39,90 Euro; außerdem „Lucas Cranach der Jüngere und die Reformation der Bilder“: 45 Euro.

„Luther und die Fürsten“

in Torgau: bis 31. Oktober, tgl. a. Mo. 10–18 Uhr; Katalog, Sandstein V.: 24 Euro.

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