Der Lustmolch und die Schöne

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Das Bernrieder Buchheim Museum zeigt die Schau „Picasso – Mann und Frau“ sowie Buchheim-Blätter ab 1941. Von Simone Dattenberger.

Wenn man an Pablo Picasso denkt, fallen einem eigentlich nur Bilder von Frauen-Frauen-Frauen ein, von einigen wenigen Männern und von vielen Paaren, oft als Maler und Modell, aber gern auch als mehr oder weniger eindeutiges Liebes-Knäuel. Kein Wunder also, dass das Buchheim Museum in Bernried am Starnberger See seine große Herbst-Winter-Ausstellung „Picasso – Mann und Frau“ nennt. Anlässe hierfür war, dass Lothar-Günther Buchheim (1918–2007) eine tolle Sammlung an Picasso-Arbeiten auf Papier hat, dass der Deutsche – Expressionisten hin oder her – den Spanier für den Größten hielt und dass das Museum einen „Frischling“ zu bieten hat.

Das Ehepaar Buchheim hatte selbst nach der Museumseröffnung ein schönes Sümmchen an Kunstwerken im eigenen Haus in Feldafing zurückbehalten. Wer mag sich schon von allen Lieblingen trennen? Darunter die Farbkreidezeichnung „Der Raucher“ (1964). Die Museumsleute, darunter auch der jetzige Chef Daniel J. Schreiber, hatten immer geschlottert, weil der Picasso völlig ungesichert in Feldafing weilte. Nun ist er sicher im Museum – und wird gleich als eine Art Hermaphrodit interpretiert. Und in der Tat, schaut man dem stoppelbärtigen Matrosen auf sein Ringelhemd, scheint er einen stattlichen Busen zu haben. Oder ist das Reling und Ellenbogen? Jedenfalls ein echter Picasso-Spaß.

Um dieses unbekannte Bild gruppierte Schreiber die Frau-Mann-Sicht Picassos (1881–1973). Richtschnur dabei sind die diversen Beziehungen des Malers, die in einem „Informationskanal“ mit einer schönen Fotoauswahl ausgebreitet werden. Danach realisieren sich die Lieben in der Kunst, die knackig auf Taubenblau bis Pink präsentiert wird. Schwarz-weiße und farbige Druckgrafiken, Zeichnungen und Gemälde umspielen Marie-Thérèse Walter, Dora Maar, Marie Françoise Gilot, die als Einzige Picasso lange hinhielt und nach zehn Jahren von sich aus verließ, und Jacqueline Picasso. Davor gab es noch Fernande Olivier, Eva Gouel (eigentlich Marcelle Humbert – der Macho benannte sie um) und seine erste Ehefrau Olga Chochlowa. Sie gehören, wenn man so will, zu der frühen Phase, der Blauen Periode, die in Bernried etwa in den typischen traurigen Harlekinen präsent ist. Ebenso wie ein melancholisches Frauenbildnis, das an die Neue Sachlichkeit erinnert.

Mit Walter in Zusammenhang gebracht wird, wie Picasso antiker Motive austestet – zwischen heiterer Erotik und Vergewaltigung. Der Minotaurus taucht auf, eine Figur die mal Täter, mal Opfer ist. Künstlerisch wirklich atemberaubend löst der Spanier alle Grenzen von Gut und Böse, Lust und Tod in der Radierung „Marie-Thérèse als weiblicher Torero“ (1934) auf. Frau, Pferd und Stier werden zu einem Wesen-Wirbel. Solche Körper-Auflösungen und -Metamorphosen beschäftigten Pablo Picasso ebenfalls in der Zeit. Die Frau wird da aber nicht zum kubistischen Bau-System, sondern zu einer Plastik aus gerundeten Formen.

Während Maar vom milden Frauenbildnis schnell zu einem zersplitterten Wesen wird, also der Leib fast zum Verschwinden gebracht wird, schwelgt Picasso bei Gilot und später bei Jacqueline vor allem im edlen Antlitz. Unfassbar, wie oft er es gezeichnet, gemalt, radiert, in Lithos umgesetzt hat. Es gibt endlose Varianten – und immer (nicht nur im Buchheim Museum) sind sie endlos interessant. Wir erliegen wie Picasso der Schönheit – und seinem imponierend vielseitigen technischen Können.

Bei Jacqueline, die er nach Olgas Tod heiratete, lernen wir dann Picasso als alten Lustmolch kennen. Aber einen, der sich kräftig über sich und andere Männer, die nackte Frauen gern beglotzen, lustig macht. Die Herrn werden selbst im Königskostüm zu lächerlichen Gestalten im Angesicht des strotzenden weiblichen Lebens. Der Mann, ob als Maler vor dem Modell oder Freier bleibt abseits. Er steht für Vergänglichkeit und Schwäche.

Da Museumschef Schreiber nicht nur die großen Ausstellung im Blick hat, sondern auch das ganze Haus, zeigt er gern Neuerungen. So wurde der luftige Foyerflur mit allerhand skurrilen Figuren und unterhaltsamer Information über Buchheim sowie dessen Flowerpower-Pipapop-Plakate mit Flipperautomaten und Lichttricks aufgemöbelt. Der Sammler selbst kommt als Zeichner zum Zug in der Schau „Augenfutter – Buchheims Künstlerbilder 1941 bis 1944“. Das ist spannend, weil man merkt, wie sich der junge Kriegsberichter angesichts der Natur künstlerisch lockert. Das ist noch spannender, weil Buchheims Zerrissenheit zwischen Kriegspropaganda (U-Boote) und unangepasster Kunst hautnah zu spüren ist.

Bis 8. März 2016,

Di.–So. 10–17 Uhr, Am Hirschgarten 1; Tel. 08158/ 99 700.

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