CELESTE NG SCHILDERT IN IHREM ZWEITEN ROMAN ABGRÜNDE UND KOMPLIZIERTE FAMILIENSTRUKTUREN EINER US-VORSTADT

Die Lüge vom perfekten Leben

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NEUERSCHEINUNG . von johanna Popp.

Celeste Ng kennt sich aus mit den Themen, über die sie ihre Bücher schreibt. Das wurde bereits in ihrem Debütroman „Was ich euch nicht erzählte“ deutlich. Darin porträtierte sie eine US-amerikanische Familie, die an selbst aufgebautem, vielfältigem Leistungs- und Erwartungsdruck zerbricht. Ng, in den USA geborene Tochter asiatischer Einwanderer, griff den anti-chinesischen Rassismus der Sechzigerjahre auf, stellte feministische Grundsatzfragen und beschrieb das drängende Bedürfnis, einerseits dazuzugehören, andererseits aber sich selbst zu verwirklichen und aus der gesichtslosen Masse hervorzustechen.

Komplizierte Familienstrukturen bilden auch in Ngs zweitem Roman „Kleine Feuer überall“ den Erzählrahmen – und erneut greift die Autorin mutmaßlich auf Erfahrungen aus ihrer eigenen Biografie zurück. Schauplatz ist die Kleinstadt Shaker Heights im Bundesstaat Ohio, in der Ng selbst aufgewachsen ist. Eine der Großstadt Cleveland vorgelagerte vermeintliche Idealgemeinschaft, in der Rassismus, Vorurteile oder Klassendünkel keine Rolle spielen sollen, in der Nachbarn einander beistehen, wenn es Probleme gibt, und in der Kinder von Anfang an in dem Glauben erzogen werden, sie könnten ein perfektes Leben führen, wenn sie sich nur strikt an die mannigfachen Regeln halten.

In dieses Vorstadtutopia zieht die 15-jährige Pearl mit ihrer unkonventionellen, alleinerziehenden Mutter und ist sofort fasziniert vom scheinbar makellosen Alltag. Schnell freundet sie sich mit den Richardsons an, einer Bilderbuchfamilie, deren Mitglieder sie in einer Mischung aus Interesse und Wohltätigkeitsreflex mit offenen Armen aufnehmen. Je tiefer Pearl jedoch in die Strukturen von Shaker Heights vordringt, umso mehr offenbaren sich die Abgründe, die sich hinter den sorgfältig gestutzten Vorgartenrasen und farblich abgestimmten Fassaden verbergen.

Was zunächst wie ein etwas abgeschmackter Plot à la „Desperate Housewives“ klingt, entpuppt sich nach kurzer Lesezeit als kluge Studie über die US-amerikanische Lebensrealität. Die dafür erforderliche Nähe gelingt Ng vor allem durch die große Empathie, die sie ihren Figuren entgegenbringt: der rebellischen Künstlerin Mia ebenso wie dem verträumten Teenager Moody, der frustrierten Schülerin Izzy und vor allem der Spießerin Elena, die sich an ihrem durchgestylten Plan vom Glück festklammert und doch (bereits zu Beginn des Romans) vor den rauchenden Ruinen ihres Eigenheims und gleichsam ihrer sorgsam aufgebauten und gepflegten Familienidylle steht.

War die Handlung von Ngs erstem Roman in den Fünfziger- bis Siebzigerjahren angesiedelt, so spielt „Kleine Feuer überall“ in den Neunzigern. In Shaker Heights tuscheln die Menschen über Bill Clinton und Monica Lewinsky, Teenies hinterlassen Zettel an Schließfachtüren, telefoniert wird übers Festnetz. Facebook gibt es nicht, ein Handy besitzen nur wenige und wichtige Menschen. Donald Trump, der zu dieser Zeit gerade die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau vorbereitet und sich ansonsten um seine Immobiliengeschäfte gekümmert haben dürfte, wird mit keiner Silbe erwähnt.

Das ist zur Abwechslung beinahe eine Wohltat, begegnen einem die großen Einschnitte, die die Welt – von Amerika ausgehend – in den letzten zehn Jahren erlebt hat, doch derzeit in Literatur und Medien auf Schritt und Tritt. Sollte sich Celeste Ng aber in einem ihrer nächsten Romane ebenfalls mit dem politischen und gesellschaftlichen Wandel auseinandersetzen, den die Bush-, Obama- und Trump-Jahre ausgelöst und fortgesetzt haben, so kann man getrost darauf vertrauen, dass die Autorin erneut zielsicher verschiedene Nägel auf den Kopf treffen wird.

Celeste Ng:

„Kleine Feuer überall“. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. dtv, München, 384 Seiten; 22 Euro. Die Autorin stellt ihr Buch am 27. April, 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus vor; Moderation: Tobias Döring, deutsche Lesung: Jule Ronstedt (Telefon 089/ 29 19 34 27).

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