KIRILL PETRENKO, GENERALMUSIKDIREKTOR AM MÜNCHNER NATIONALTHEATER, DIRIGIERTE IN SALZBURG DIE BERLINER PHILHARMONIKER

Lover aus dem Fitnessstudio

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Kirill Petrenko bot im Großen Festspielhaus mit den Berliner Philharmonikern, seinem zukünftigen Ensemble, mit Richard Strauss und Ludwig van Beethoven bestes Stamm-Repertoire. Foto: Salzburger Festspiele/ Monika Rittershaus

Konzertkritik . Jeder Akkord ein Orakel, jede Interpretation ein Verweis auf kommende, hoffentlich goldene Zeiten: Ziemlich knifflig ist das gerade für Kirill Petrenko.

Noch ein Jahr dauert es, bis er den Thron der Klassikszene besteigt, um für zwei Jahre eine Doppelexistenz zu führen – als neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker und Noch-Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Das aktuelle Programm mit den Berlinern ist eine Ansage. Mitten hinein ins Stammrepertoire stößt er. Richard Strauss und Ludwig van Beethoven, das hätte auch eine Karajan-Kombi sein können.

Zur Saisoneröffnung hat Petrenko damit gerade tout Berlin aus dem Häuschen gebracht, zunächst in der Philharmonie, tags darauf beim Open Air im Hof des wiederaufgebauten Stadtschlosses. Und auch beim traditionellen Gastspiel der Philharmoniker im Großen Salzburger Festspielhaus dauerte es vielleicht eine knappe Minute, dann hatte es auch den Letzten vom Stuhl gerissen. Es war, als ob man sich nicht wehren konnte gegen diese Deutung von Beethovens Siebter. Petrenko begreift sie als sehr, sehr späten Haydn, als eine dichte Folge von Starkstrom-Pointen, als eine vor allem im Finale überfallartige Energie-Entladung.

Typisch Petrenko, dass er bei aller Emphase systematisch vorgeht: die Kontrastdramaturgie im Kopfsatz, die Lichtungsaktionen im Tutti, das häufige kurze Ziehen am Zügel, um die Philharmoniker abzubremsen, damit der Turbo wieder stufenlos zugeschaltet werden kann. Vor allem aber ist da dieser so andere Trauermarsch. Petrenko nimmt den zweiten Satz wirklich als Allegretto, also zügig. Statt Larmoyanz und Pathos hört man eine rhetorische Struktur. Das Finale wird in eine Hyper-Emotionalität getrieben. Petrenko dirigiert, als müsse er ständig ein schleppendes Ensemble antreiben. Das geht ein wenig auf Kosten der Stabilität – überwältigend ist es trotzdem. Und so anders, lust- und genussvoller als die Ergebnisse von Teodor Currentzis, der den Salzburgern gerade seinen Beethoven-Zyklus beschert hat.

Anders vor der Pause die beiden Strauss-Tondichtungen. „Don Juan“ begegnet dem Hörer nicht als abgeklärter Lebemann, sondern als Lover aus dem Fitnessstudio. Jeder Muskel, jede Phrase ist definiert. Auch in der gern kitschigen Liebesepisode wird das Geschehen durchpulst, die beiden Soli von Albrecht Mayer (Oboe) und Emmanuel Pahud (Flöte) sind Ruheinseln und pure Noblesse. Taghell, in gleißendem Licht strahlt dieser „Don Juan“, und manchmal überfährt er mit seiner Lautstärke auch den Hörer.

„Tod und Verklärung“ begreift Petrenko weniger als wortloses Drama, eher als musikalische Architektur. Auch diese Deutung entwickelt bei aller Detail-Überschärfe einen enormen Zug, schon zu Beginn, wenn sich das Geschehen nicht aus einer Klang-Ursuppe verdichtet, sondern kristallklar materialisiert. In zwei Richtungen zielen diese Strauss-Deutungen. Einerseits kostet Petrenko das klangliche Potenzial der Berliner Philharmoniker aus, scheint mit ihm zu spielen – und gibt dem Ensemble damit eine gute Portion Karajaneskes zurück. Andererseits verweigert der baldige Chef das Schaumbad. Dieser Strauss ist damit ein Angebot auch für Nicht-Straussianer, ohne Kompromiss zu sein. Nicht das schlechteste Vorzeichen für die demnächst anbrechende Ära.

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