Leidenschaftliche Laien

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Improvisations-„Tatort“ . Von Tim Slagman und Rudolf Ogiermann.

Es ist an sich die klassische Exposition eines Kriminalfilms, mit der Autor Sönke Andresen und Regisseur Axel Ranisch ihren „Tatort“ beginnen. Lena Odenthal, die Ulrike Folkerts selbst schon zu einer Klassikerin unter den Ermittlern gemacht hat, wird in ihrer Freizeit zufällig zur Zeugin eines Mordes – oder besser gesagt eines Zwischenfalls, der sich erst nach und nach als Verbrechen entpuppt. Ansonsten allerdings ist kaum etwas als klassisch zu bezeichnen in dieser Folge, die Axel Ranisch in der Methodik seiner Kinofilme „Ich fühl mich Disco“ und „Alki Alki“ weniger inszeniert als vielmehr in einem ein Jahr dauernden gemeinsamen Prozess erarbeitet hat. Das Erste strahlt diesen „Tatort“ mit dem Titel „Babbeldasch“, eine Produktion des Südwestrundfunks (SWR), an diesem Sonntag um 20.15 Uhr aus.

Gemeinsam mit Andresen entwarf Ranisch einen groben Handlungsablauf, den die Schauspieler zunächst nicht zu sehen bekamen. Von Szene zu Szene – gedreht wurde anders als üblich streng chronologisch – entwickelte das Team die Charaktere weiter und improvisierte beim Drehen die Dialoge. Bei dieser Herangehensweise haben die Schauspieler, so Ranisch, „eine große Eigenverantwortung für ihre Figuren“. Was genau in einer Szene passiere und was gesprochen werde, ergebe sich aus der Situation heraus.

Für den 33-Jährigen ging es dieses Mal hinein in eine neue Umgebung. Das Ensemble des Ludwigshafener Mundarttheaters „Hemshofschachtel“, das im Film den Namen „Babbeldasch“ trägt, stellt den Großteil der Darstellerriege. Mehr Mundart war wohl nie in einer „Tatort“-Folge. Die gebürtige Französin Marie-Louise Mott, Gründerin der echten Bühne, spielt das Opfer Sophie Fetter, das während der Premiere der neuen Boulevardkomödie „Die Oma gibt Gas“ hinter den Kulissen herzhaft in ein Schokocroissant beißt. Es wird das letzte der Allergikerin sein. Das Publikum, in das sich auch die ansonsten wenig theateraffine Lena Odenthal ausnahmsweise verirrt hat, wird hinauskomplimentiert, am Folgetag ist in der Zeitung von einem Todesfall die Rede. Aber wie kam der für die Theaterprinzipalin tödliche Mohn überhaupt ins Croissant?

Eine ist überzeugt, dass es ein Mordanschlag gewesen sein muss, die tote Sophie Fetter selbst, die Lena Odenthal im Traum besucht und droht, jede Nacht wiederzukehren, bis der Fall gelöst ist. Der leise Horror, das schrille Lachen dieses Geists treffen in diesen Szenen auf Motts breites Pfälzisch. Ein Kontrast, der so auffällig und originell ist wie die Künstlichkeit dieser Traumszenen, gemessen am chaotischen Ermittlungsgeschehen mit seinen Halbsätzen, seinen irritierten Blicken, seinem lebensechten Gestammel und seiner bisweilen bewusst eckigen Kameraführung. Bald zeigt sich, dass hinter den Fassaden jede Menge Neid und Eifersucht brodeln. Und dann ist da auch noch der aalglatte Vermieter und der cholerische Herr von der Gewerbeaufsicht, der mit Macht und Motzerei in einer wunderbar improvisiert eskalierenden Szene die Premiere schon vor der ersten Szene beinahe zum Platzen gebracht hätte.

Ranisch lässt den Darstellern tatsächlich alle Freiheiten, mit der Konsequenz, dass beispielsweise die Szenen, in denen Folkerts’ junge Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) nacheinander das gesamte Ensemble befragt, ein wenig zwischen Polizeischule und Gesellschaftsspiel changieren.

Die 55-jährige Hauptdarstellerin Folkerts, seit 1989 im Dienst des „Tatort“, gibt zu, zunächst skeptisch gewesen zu sein. „Als ich von der Idee gehört hab, dachte ich zuerst: Das kann nicht euer Ernst sein“, erzählt sie. Dann habe es aber richtig Spaß gemacht. Auch Folkerts wusste nicht, wer der Mörder ist: „Da stelle ich ganz andere Fragen, weil ich ja wirklich nichts weiß.“ Das gilt natürlich auch für die (Laien-)Darsteller der „Hemshofschachtel“, die im richtigen Leben ganz gewöhnlichen Berufen nachgehen.

Ulrike Folkerts ist nicht nur begeistert von der Leidenschaft der Amateure, auch die pfälzische Mundart hat die Wahl-Berlinerin ins Herz geschlossen und kündigt an: „Da wird nichts untertitelt“. Voller doppelter Doppelbödigkeit die Szene, in der Theaterleiterin Marie-Louise Mott, noch quicklebendig, Lena Odenthal einlädt, doch auch ins Theaterensemble zu kommen. „Nee, das überlasse ich lieber den Profis“, entgegnet da die Kommissarin mit vielsagendem Lächeln.

Beim SWR hat man schon vor der Ausstrahlung von „Babbeldasch“ entschieden, einen zweiten Improvisations-„Tatort“ in Auftrag zu geben. Die Dreharbeiten laufen bereits, Regisseur ist wieder Axel Ranisch. „Waldlust“ führt die Kommissarin mit ihrem Team zu einem Fortbildungswochenende in ein abgelegenes Hotel im Schwarzwald. Dort geschieht, wie überraschend, bald Rätselhaftes. Ein Mord? Die Kriminaler tappen – genau wie ihre Darsteller – im Dunkeln.

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