KLAUS MARIA BRANDAUER BRILLIERTE ANLÄSSLICH DES FAUST-FESTIVALS MIT EINER LESUNG, IN DER ER DAS GRETCHEN GAB

Das Leiden der jungen Faustine

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VOn katja Kraft. Natürlich ist der Mephisto die Nummer eins.

Drängt sich ja auch ordentlich in den Vordergrund, das Teufelchen. „Wer die meiste Gaudi macht, wer schrecklich ist und furchtbar, klar, der steht im Zentrum des Interesses“, sagt ein fantastisch aufgelegter Klaus Maria Brandauer am Donnerstagabend in Münchens Kaufhaus Ludwig Beck. Anlässlich des Faust-Festivals ist der 74-jährige Großmeister seines Fachs engagiert, in der Musikabteilung aus Goethes Tragödie zu lesen. Aber nein, er wählt nicht die Rolle des Teufels, auch nicht die des gelehrten Titelhelden. An diesem Abend verkündet Brandauer mit verschmitztem Lächeln: „Ich bin Gretchen!“

Eine halbe Stunde lang nimmt er uns mit auf den Liebes- und Leidensweg dieser prägenden weiblichen Figur der deutschen Literaturgeschichte. „Heute wollte ich mich mal mit der Faustine beschäftigen. Ich habe nur Sätze von ihr gewählt – und es hat funktioniert. Man kann einen stillen Monolog führen durch ihr ganzes Leben.“

Nun, ob „man“ kann, gilt es zu bezweifeln. Fest steht: Er kann. Wie Brandauer ohne Kulisse, ohne Maske, einzig dann und wann begleitet von Arno Waschks sensiblem Spiel am Flügel das Seelenleben der unschuldig ins Verderben Gezogenen durchwandert, ist schlichtweg brillant. Wie brillant, beweist ein winziges Detail – wie immer zeigt sich auch bei Brandauer die wahre Größe in den kleinen Gesten. Der Schauspieler sitzt da und liest – ach was! – taucht ein in die Zeilen. Muss nicht die Stimme künstlich erhöhen und erweckt doch all die mädchenhafte Zartheit, die Ängste, das Herzeweh der jungen Frau zum Leben. Die 60 Zuschauer in dem intimen Rahmen (1200 Anfragen gab’s) hängen an seinen Lippen. Dass über diesen Lippen Blut aus Brandauers Nase läuft, hätte kaum einer bemerkt, wäre ihm nicht ein Taschentuch gereicht worden. Er lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Und freut sich beim anschließenden Publikumsgespräch über die Pointe: „Mit Herz- und Nasenblut!“

Brandauer kann schwierig sein. Hat er von seiner Mutter, die „sich so wahnsinnig gut aufregen konnte. Die hatte Tobsuchtsanfälle wegen nichts und wieder nichts“, erzählt er lachend. Wie er selbst, zum Beispiel als er von der Lesung hier in dem so kleinen Raum das erste Mal hörte. „Ich dachte: Mann, dann stehen die Zuschauer alle da herum und wackeln mit den Füßen. Doch nix! Es war nix! Ich finde, es war eine unfassbare, nicht hörbare Spannung“, schwärmt er, bedankt sich immer wieder bei den von ihm so Verzückten. Und gibt ihnen nach allerlei köstlichen Anekdoten aus seinem langen Schauspielerleben dann noch ein besonders hübsches Bonmot mit auf den Weg: „,Ober, zahlen!‘ ist kein guter Satz fürs Leben. Nein. Bleiben und noch was bestellen!“

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