Lebenslanger Mahner gegen Rechts

Scheute für seine Überzeugungen keinen Konflikt: Ralph Giordano (1923–2014). Foto: T. 
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Scheute für seine Überzeugungen keinen Konflikt: Ralph Giordano (1923–2014). Foto: T. 

Nachruf . Zum Tod des Publizisten und Filmemachers Ralph Giordano, den die Verfolgung durch die Nazis prägte.

Von Yuriko Wahl-Immel

Seine Stimme hatte Gewicht. Ralph Giordano wurde zeit seines Lebens nicht müde, in Büchern, Zeitungsartikeln und Reden vor Rechtsradikalismus und Antisemitismus zu warnen. Geprägt hat den Autor – weltbekannt geworden durch seinen autobiografischen Roman „Die Bertinis“ – seine Demütigung, Verfolgung und Misshandlung durch die Nationalsozialisten in seiner Kindheit und Jugend in Hamburg. Giordano, der am Mittwoch mit 91 Jahren in Köln starb, hinterlässt ein umfangreiches Werk – als Publizist wie auch als Dokumentarfilmer.

Zu seinem 90. Geburtstag am 20. März vergangenen Jahres war er in seiner Geburtsstadt Hamburg groß geehrt worden – einer der wenigen öffentlichen Termine, die er damals noch wahrnehmen konnte. „Mein Energiehaushalt, mein Kräftepotenzial ist reduziert, das spüre ich deutlich“, hatte er in seiner bescheidenen Kölner Wohnung gesagt. Hinter ihm liege eine „ungeheuere Strecke“ und ein „mörderisches Jahrhundert“.

Als Sohn einer deutschen Jüdin und eines Italieners war er dem Holocaust als Jugendlicher nur knapp entkommen. „Es ist eine Lebensphase, die alles geprägt hat, was ich danach getan habe“, betonte er stets. Als die Mutter im Februar des Jahres 1945 deportiert werden sollte, versteckten sich die Giordanos für Wochen in einem Keller. Am 4. Mai 1945 wurden sie – dem Hungertod nah – von der britischen Armee befreit. „Seine Erfahrungen aus der Zeit der Verfolgung machten ihn zu einem unermüdlichen Mahner für Zivilcourage und Demokratie“, würdigte ihn der neue Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster.

Als intellektueller Kopf hat Giordano zahlreiche Ehrungen erhalten, unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den vom Zentralrat der Juden verliehenen Leo-Baeck-Preis. Dem „rechten Ungeist“ müsse man mit Aufklärung und inhaltlicher Auseinandersetzung begegnen, verlangte er. Die lange unentdeckte Mordserie des NSU hatte ihn als schon Hochbetagten noch einmal aufgeschreckt: „Mir wird bange um die demokratische Republik – die einzige Gesellschaftsform, unter der ich mich sicher fühlen kann.“

Sein Werk überlässt er dem Deutschen Literaturarchiv im baden-württembergischen Marbach. Da werde wohl zum Abtransport kein VW-Bus ausreichen, hatte Giordano zu seinem 90. geschmunzelt. Er hat 23 Bücher geschrieben, von denen viele Bestseller sind und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Die Familiensaga „Die Bertinis“ (1982), verfilmt von Egon Monk mit Hannelore Hoger und Peter Fitz in den Hauptrollen, „Die zweite Schuld oder von der Last ein Deutscher zu sein“ (1987) oder auch „Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte“ (1989) gehören zu den Hauptwerken.

Viel beachtet sind auch seine „Erinnerungen eines Davongekommenen“ (2007). Als Fernsehmann arbeitete er ab 1961 zunächst beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), drehte dann von 1964 bis 1988 für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) rund 100 Filme, darunter „Camilo Torres – Rebell des Kreuzes“ (1969) und „Der perfekte Mord – Wie die Nazirichter freigesprochen wurden“ (1988).

Im Jahr 1972 zog er von Hamburg nach Köln. Dort löste er in den letzten Jahren seines Lebens kontroverse Diskussionen aus mit seinen Äußerungen zum Islam, zu einer aus seiner Sicht gescheiterten Integration von Muslimen und zum Bau der Kölner Zentralmoschee. Zugespitzte Äußerungen in Talkshows und die Bezeichnung „menschliche Pinguine“ für verschleierte muslimische Frauen lösten Empörung aus. Dass man ihm gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen vorwarf, verletzte ihn tief. Es gehe ihm nur darum, solche Erscheinungen des Islam anzuprangern, die mit dem Grundgesetz nicht vereinbar seien, rechtfertigte er sich. Für seine islamkritische Worte erhielt er jedoch auch viel Zustimmung aus linksintellektuellen Kreisen.

Wenig bekannt war der Privatmann Giordano. Dreimal hatte er geheiratet. Seine beiden langjährigen Ehen endeten mit dem Krebstod seiner Frauen Helga (1994) und Röschen (2002). Eine dritte Ehe wurde nach kurzer Zeit geschieden. Giordanos Hobbys waren Dampfmaschinen – und Ferraris. In seinen letzten Lebensjahren lebte der Mann mit der imposanten weißen Mähne und dem gelegentlich schnoddrig wirkenden Hamburger Akzent zurückgezogen in seiner Wohnung in einem Kölner Hochhaus.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) würdigte Giordano als „streitbaren Protagonisten“ der politischen Kultur in Deutschland. „Er nahm leidenschaftlichen Anteil an der politischen Debatte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und scheute dabei keinen Konflikt. Seine mahnende und streitbare Stimme wird Deutschland sehr fehlen“, sagte sie.

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