MARTIN WALSER LEGT MIT „GAR ALLES ODER BRIEFE AN EINE UNBEKANNTE GELIEBTE“ EIN BUCH VOR, DAS DIE #METOO-DEBATTE STREIFT

Das Leben ist schräg

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Martin Walser schreibt wieder einmal von einem Mann zwischen zwei – oder drei – Frauen. Foto: Felix Kästle/ dpa

Neuerscheinung . Von Simone Dattenberger.

„Liebe unbekannte Geliebte,/ ich bin nicht ich./ Ich bin ein Wort./ Ich bin doch kein Wort./ Ich bin lieber, was ich wäre, wenn ich nicht ich zu sein hätte.“

Ganz schön kompliziert, was da dieses Ich am 30. Oktober 2016 einer vorgegaukelten Dame beziehungsweise uns Lesern mitteilt. Aber keine Sorge. Dieses fiktive Ego hat zum Glück Martin Walser (Jahrgang 1927) geschaffen, und der möchte seinem Publikum nicht verquast entgegenschwurbeln. Also sind auch seine Figuren zwar ein bissl schräg und formulieren bisweilen auch so, bleiben aber verständlich. Vor allem weil wir bei Walser immer verstehen: Das Leben ist schräg. Wir alle halten uns oft nicht gerade elegant auf seiner schrägen Ebene, rutschen aus, sogar ab, krabbeln wieder hinauf, bleiben eine Zeit lang aufrecht, um wieder zu stürzen.

Genauso ist es dem „Absender“ in Martin Walsers jüngstem Roman „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“ ergangen. Die Form des Briefromans mag der Autor vom Bodensee nicht ungern, zwingt sie doch den Leser, allein durch die Perspektive des Ichs die Welt wahrzunehmen. Wir Leser müssen stets darum kämpfen, auf Distanz zu gehen, um den anderen Personen gegenüber gerecht zu sein. Das ist ein Thema, das den Schriftsteller in den vergangenen Jahren oft bewegt hat: Soll man Recht haben (wollen)? Kann man jemandem oder etwas gerecht werden? Warum sollte man diese Position überhaupt einnehmen – nur weil’s andere fordern und tun?

Das Roman-Ich ist in dieser Zwickmühle. Oder in zwei davon. Da ist die ganz private: Der Briefschreiber liebt inniglich seine Ehefrau Gerda und ebenso die Biologin Dr. Silke Born. Das findet er eigentlich total in Ordnung – die beiden Frauen allerdings gar nicht. Die drängen auf eine Entscheidung. Mit Frauen hat auch die andere Zwickmühle zu tun, und sie ist eine gesellschaftliche. Walser hat mit ihr einen Teil der jetzigen #MeToo-Debatte vorausgeahnt. In seinem früheren Leben ist Ich einer hübschen Frau (Praktikantin) und ihrem Schenkel mit einem Fingerstupser zu hautnah gerückt. All das erfahren wir peu à peu, Brief für Brief. Denn zunächst will der Mann namenlos von jener unbekannten Geliebten schwärmen, die ihn gerade nicht in eine Zwickmühle manövriert. Sie wäre die Traumfrau, die alles versteht, ohne zu urteilen. Wir wissen, es gibt sie nicht.

Das formuliert Walser nicht Trübsal blasend, sondern mit dem ihm eigenen Witz und mit verschmitzter Ironie. Deswegen findet sein Briefeschreiber/ Blogger Trump gut. Da gibt es mal einen, der so richtig peinlich ist. Das ist Justus Mall nämlich auch. Nach und nach deckt er in seinen minniglichen Texten, die naturgemäß ausgiebige Selbstreflexionen sind, seine Identität auf. Mall ist sozusagen freischaffender Philosoph, der mit seiner Theorie des Überflüssigen gutes Geld macht. Von einem Unternehmer angestachelt, wird die Idee entwickelt, dass etwas Überflüssiges zu tun alle Probleme lösen kann. Solch hinterkünftige Zeitgeist- und Sozialkritik sind Zuckerln, die Walser zuverlässig serviert – in charmanter Formulierungsverpackung.

Trotzdem lässt er nie vergessen, dass Justus Mall heftig auf der erwähnten schiefen Ebene taumelt. Obwohl er nach dem Absturz wieder hochgekrochen ist. Im ersten Leben war er Dr. Gottlieb Schall, Oberregierungsrat im bayerischen Justizministerium, zuständig für Migration. Als solcher stolperte er gewissermaßen über seinen Zeigefinger, der „die gleißende Schenkelrundung“ nicht unberührt lassen konnte. Obwohl erst 55, wurde er von der Presse als „Grapscher der Altherren-Riege“ durchgehechelt. Und redete sich in all seiner erotischen Offenheit um Kopf und Kragen. Ehrlichkeit und Differenziertheit wurden in der Öffentlichkeit zu Fallen. In der Kunst, im Schreiben sind sie es nicht. Und so ziehen Mall/Schall und vielleicht Walser selbst das Fazit: „Das Papier beziehungsweise der Roman ist die letzte Hoffnung.“

Martin Walser:

„Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“. Rowohlt Verlag, Reinbek; 107 Seiten; 18 Euro.

Walser stellt am 10. April seinen Roman im Münchner Literaturhaus vor; Karten: 089/ 29 19 34 27.

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