DAS GULBRANSSON MUSEUM ZEIGT DIE SCHAU „TRÜGERISCHE IDYLLE – SCHRIFTSTELLER UND KÜNSTLER AM TEGERNSEE 1900 BIS 1945“

Korrumpierte Seelen

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Von Simone Dattenberger. Gulbransson war hier, na klar, schließlich sind wir im Olaf Gulbransson Museum Tegernsee, aber dass auch August Macke an den lieblichen Gestaden weilte, ist doch für viele überraschend.

Der Tegernsee war halt berühmter als manch andere bayerische Traumgegend. Vor allem die Geldigen bevorzugen ihn bis heute. Künstler halten sich mittlerweile zurück. Einst war das ganz anders. Deswegen haben sich das Gulbransson Museum, betreut von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die Münchner Monacensia und die Gulbransson Gesellschaft zusammengetan, um sich diese kreative Ballung genauer anzuschauen. „Trügerische Idylle – Schriftsteller und Künstler am Tegernsee 1900 bis 1945“ wurde die Ausstellung genannt, die nicht nur ein freundschaftliches Netzwerk zeigen will, sondern auch die politischen Verstrickungen.

Der Tegernsee war ebenfalls für die Nationalsozialisten eine begehrte Region. Da kann einem schon das Herz schwer werden, wenn die Schriftstellerin Grete Weil (1906-1999) im Rückblick schreibt: „Ein Ort, in dem einen jeder kennt, wo man die Dispeker Gretel heißt, auch wenn man schon längst einen anderen Namen hat. Ein Ort, an dem man zu Hause ist, wirklich zu Hause, auch dann noch, als über dem Ortsschild ein Transparent mit der Aufschrift hängt: ,Juden betreten den Ort auf eigene Gefahr‘.“ Weil ist tatsächlich ein Egerner Kindl, eine Einheimische, und stürzt doch in einen Abgrund. Genau dieser Punkt ist Elisabeth Tworek, Chefin der Monacensia, die die Hauptlast der Ausstellung trug, wichtig: Eine wunderbar heitere Szenerie, in der alle gut zusammengelebt hätten, sei nach dem Machtantritt Hitlers in eine Katastrophe umgeschlagen. Jüdische Bürger hatten keine Wahl, sie mussten fliehen, um zu überleben. Die anderen hatten die Wahl, sich unauffällig zu verhalten, sich den neuen Machthabern anzudienen oder in den Widerstand zu gehen. Grete Weil („Meine Schwester Antigone“) hatte keine Wahl. Ein Brief ihres Mannes aus dem KZ Mauthausen in der ihr gewidmeten Vitrine macht die Todesgefahr so still wie nachdrücklich deutlich.

Tworek hat die Schau in mehrere solcher Informationsinseln eingeteilt. Ein großes Foto – einige wie das von Tenor Leo Slezak (1873-1946) und seiner Familie sind unglaublich treffend –, kleine Aufnahmen und Dokumente erzählen von den Manns oder dem „Aussteiger“ Max Mohr genauso wie von der mit Dirndl, Lederhose, Berg und See inszenierten heilen Welt. Diese Idylle krallten sich ab 1933 die Nazis, bis der Tegernsee zum „Lago di Bonzo“ und garantiert „judenrein“ geworden war. Jene Inseln berichten immer wieder von brutalen Brüchen: in der Nazizeit und bereits im Ersten Weltkrieg. Nicht das Leben, aber Seele und Verstand scheint diese Menschheitsmetzelei bei Ludwig Thoma (1867-1921) ausgelöscht zu haben. Der frei denkende Schriftsteller, der sich’s mit vielen Freunden und Geliebten – auch jüdischen – am Tegernsee gut sein ließ, wurde zum rechtsextremen Antisemiten, der sich anonym im „Miesbacher Anzeiger“ ausschleimte. Immerhin hat wohl sein „guter Ruf“ bei den Nazis seine von ihm so sehr geliebte Maidi von Liebermann (1884-1971) vor deren Vernichtungsgriff gerettet. Es sind also vielfach verwirrend vielschichtige Charaktere und Schicksale, die einem jetzt im Olaf Gulbransson Museum begegnen.

Für Andrea Bambi, die in den Staatsgemäldesammlungen für das Haus zuständig ist, war das ausschlaggebend, um nach Gulbranssons Haltung zu fragen. Bambi kannte Tworeks „Kultur am Abgrund“ (Jüdisches Museum München 2014) und wünschte sich solch eine Analyse des Norwegers (1873-1958). Immerhin war er vor der Nazi-Zeit ein scharfer „Simplicissimus“-Karikaturist gewesen, in der Nazi-Zeit wohlgelitten und nach dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls ein Sympathieträger. In der Schau wird Gulbranssons Idyllenleben in Fotos und schön präsentierten Gemälden – viele nach dem Depotaufenthalt frisch gerahmt – ausgebreitet. Daneben die Dokumente, die seine ungenierte Nähe  zu NS-Größen wie Hans Frank belegen, Nazi der ersten Stunde, Justizminister und „Schlächter von Polen“. Gulbransson hatte sich entschlossen, in Deutschland zu bleiben und sich anzubiedern. Hauptsache, er war abgesichert. Diese Wahl hatten Menschen wie Grete Weil, Max Mohr oder Bruno Frank nicht.

Abgerundet wird die Ausstellung durch Werke von Macke, Gulbransson und Heine sowie durch ein ausführliches Buch, das die neue Forschung genau aufzeigt.

Diesen Sonntag bis 17. September

Di.-So. 10-17 Uhr; Telefon: 08022/ 33 38; Tegernsee, Im Kurgarten 5;

Buch, allitera: 18 Euro.

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