Körperwelten

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Wissbegierig: Den jungen Rob Cole (Tom Payne) verschlägt es im elften Jahrhundert von England bis nach Persien. Foto: ARD

ARD . Das Erste zeigt an zwei Tagen den um einige Szenen erweiterten Kinoerfolg „Der Medicus“.

Von Jonas-Erik Schmidt

Kann das Aufschneiden einer Leiche erotisch sein? Zumindest wenn Rob Cole (Tom Payne) das Messer führt, stellt sich diese Frage unwillkürlich. Er behandelt den toten Körper wie eine große Kostbarkeit, der Kerzenschein erhellt die Haarsträhne auf seiner Stirn. Und wenn Regisseur Philipp Stölzl in diese Szene Bilder aus einem nahen Schlafgemach schneidet, in der sich Robs Geliebte Rebecca gerade für ihren ungeliebten Ehemann entblättern muss, erst recht.

So verrucht diese Sequenz aus „Der Medicus“, der Verfilmung des Weltbestsellers von Noah Gordon, klingen mag – die Inszenierung bleibt angemessen zurückhaltend. Was gut ist, denn die ARD zeigt den Kinoerfolg mit rund 3,6 Millionen Zuschauern kurz vor dem Jahreswechsel an an diesem Montag und Dienstag als Fernsehpremiere zur besten Sendezeit, jeweils um 20.15 Uhr – dann, wenn viele Familien gemeinsam vor dem Fernseher sitzen.

Für die Fernsehausstrahlungen wurde die sowieso schon recht opulente Leinwandfassung nochmals um einige Szenen erweitert. In der Szene mit Rob und der Leiche verdichtet sich viel, worum es in „Der Medicus“ geht – Medizin und Ethik, die Liebe, die Macht der Religionen. Denn Rob muss fürchten, bei seiner nächtlichen Obduktion von den Glaubenshütern der persischen Stadt Isfahan entdeckt zu werden.

An chirurgische Eingriffe ist im elften Jahrhundert eigentlich nicht zu denken – der menschliche Körper gehört noch ganz Gott und nicht den Medizinern. Was Rob tut, ist verboten. In Zeiten, in denen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) mit Brutalität versucht, Glaubensgrundsätze zum Gesetz zu erheben, bekommt „Der Medicus“ zwangsläufig auch immer wieder einen aktuellen Zungenschlag.

Ausgangspunkt der Geschichte ist der Tod von Robs Mutter, die an einer mysteriösen Krankheit stirbt. Ein fahrender Bader (Stellan Skarsgård) nimmt ihn auf. Fortan versucht Rob mehr schlecht als recht, an der Seite des raubeinigen Quacksalbers Menschen zu heilen. Als er von dem legendären Mediziner Ibn Sina (Ben Kingsley) und dessen Universität im fernen Persien hört, verlässt er England. Um eine Chance zu haben, gibt sich der Christ Rob fortan als Jude aus – inklusive einer Eigenbeschneidung in der Wüste. In Isfahan wird er schließlich Ibn Sinas bester Schüler, der sogar ein Mittel gegen die Pest entdeckt. Doch sein Forscherdrang ist damit noch nicht gestillt. Und leider verliebt er sich auch noch in die bereits vergebene Rebecca.

In dem von Filmmogul Nico Hofmann mitproduzierten Streifen spielen nicht nur der wie meistens hervorragende Oscar-Preisträger Kingsley und der unverwechselbare Skarsgård mit, sondern auch zwei der momentan vielleicht populärsten deutschen Darsteller – Elyas M’Barek („Fack ju Göhte“) und Fahri Yardim (Til Schweigers Kollege im Hamburger „Tatort“). Allerdings gilt es genau hinzusehen – geschminkt und in mittelalterlichen Kostümen sind die beiden manchmal nur schwer zu erkennen.

„Der Medicus“ ist eher ein Film der Offensichtlichkeiten und keiner, der seinen Zuschauern mit leiseren Zwischentönen Platz zur Interpretation lässt. Wer Pathos und großes Ausstattungskino mag, wird aber seine Freude haben. Für die, die lieber Fakten wollen, hat die ARD schon vorgesorgt. Nach dem zweiten Teil am morgigen Dienstag läuft um 21.45 Uhr die Dokumentation „Kräuter, Kruzifixe, Quacksalber – Medizin im Mittelalter“.

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