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Ein klasse Kleist PREMIERENKRITIK Robert Borgmanns „Die Verlobung in St. Domingo“

Ein klasse Kleist. PREMIERENKRITIK Robert Borgmanns „Die Verlobung in St. Domingo“.

VON ALEXANDER ALTMANN

Nein, wir haben uns nicht in der Adresse geirrt. Es ist schon das Münchner Cuvilliéstheater, wo diesmal verblüffende Dinge geschehen, wie sie sonst eher an den Kammerspielen vorkommen – und dort auch nur im besten Fall. Man darf also, mit Goethes Definition der Novelle, ruhig eine „unerhörte Begebenheit“ nennen, was da zu bestaunen war: Auf der Bühne, die von einem gigantischen grünen Duschvorhang eingefasst wird, erstrahlt eine Säule aus leuchtenden Glasröhren, dazu sorgt Regisseur Robert Borgmann persönlich am Synthesizer für Science-Fiction-Klänge. Wird hier gerade irgendwer hochgebeamt?

Ja, der Zuschauer quasi, der nun erlebt, wie sich der Röhrenkäfig öffnet und seine Gefangene freigibt: die schwarze Sängerin Marie-Christiane Nishimwe, die auch gleich mit betörendem Sopran eine Bach-Arie intoniert. Aber bald erscheinen knollig-formlose Riesenbabys in aufgeblasenen „Raumanzügen“ und grapschen wie neugierige Außerirdische an der Sängerin rum. Obwohl bis dahin noch kein Satz aus Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ gesprochen wurde, die doch auf dem Programm steht, hat man das Gefühl, schon mittendrin zu sein in dieser tragischen Liebesgeschichte aus dem Sklavenaufstand in Haiti. Denn allein die gestische Qualität der vorgeführten Handlungen evoziert jene Atmosphäre von Bedrohlichkeit und Staunen zugleich, der Kleists Text seine nervenzehrende Eindringlichkeit verdankt.

Die wird, weil sie nur schwer auszuhalten ist, zum Glück dann teilweise durch eine an Albernheit grenzende Komik gebrochen, als Marcel Heuperman und Mathilde Bundschuh Dialogszenen aus der Novelle spielen, wobei sie ständig die Rollen wechseln, sodass man nie genau weiß, wer gerade spricht: ein Weißer, eine Schwarze, ein Mann, eine Frau? Außerdem geben sich die beiden durch übertriebene, naive Artikulation wie Laiendarsteller, treten aus den Rollen oder fuchteln mit dem Degen. Und der „fürchterliche Neger“ Congo Hoango schließlich, von dem in der Geschichte dauernd die Rede ist, wird durch einen Luftballon „dargestellt“, auf dem das Konterfei Horst Seehofers prangt.

Inzwischen haben sich die Glasröhren in ein spinnenförmiges Ufo verwandelt, das in wechselnden Farben leuchtend über der Bühne schwebt, zwei Kinder in Häschenkostümen treten auf, aber dann kommt Er: Michael Jackson, der weiße Schwarze, mit Hut, langen Haaren, Husarenjacke und Sonnenbrille hinreißend echt und distanziert zugleich verkörpert von Thomas Schmauser. Erst liegt er auf einer Leichenbahre, dann erwacht er langsam vom Tode, tänzelt zuckend herum – und rezitiert mit einer Stimme, die anfangs hell piepst und dann immer mehr diejenige Schmausers wird, den Beginn von Kleists Novelle mit einer so beiläufigen Dringlichkeit, dass einem der Atem stockt. Ganz klar: Was hier geboten wird, ist keine biedere Bühnenfassung eines Prosawerks wie sonst üblich. Es ist vielmehr eine astreine Kleist-Performance erster Güte, die, ohne den zeittypischen Rassismus zu leugnen, der unvermeidlich im Text steckt, statt eindeutiger Botschaften radikale Verrätselung durch radikale Verfremdung zelebriert. Als Entsprechung jenes fundamentalen Befremdens, das bei Kleist aus der Erschütterungskraft einer erratischen Prosa erwächst. Hier wird nicht eine Story nachgespielt, sondern der Gehalt einer Form in szenische Formen überführt. Ein großes Theaterereignis. Herzlicher Beifall.

Nächste Vorstellungen

am 4., 11., 16. Oktober sowie 5. und 25. November;

Telefon 089/ 21 85 19 40.

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