BAYREUTHER FESTSPIELE

Kein Wiederkäuer

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Wahn und Wirklichkeit mit den Zwillingen Jiří Bubeníček und Otto Bubeníček sowie Videos. Foto: Enrico Nawrath/ Bay.Festspiele

Klaus Langs „Der verschwundene Hochzeiter“ ist ein starkes Zeichen im Wagner-Mekka

Von Markus Thiel

Irgendwann gibt der Verstand auf und das Auge sowieso. Ist es der echte Hochzeiter, der da im Schneegestöber wandelt oder im Zimmer sitzt? Ist es sein Video-Ebenbild? Woher kommen überhaupt die anderen identischen Gestalten? Immerhin ein Doppelgänger ist aus Fleisch und Blut, die Darsteller Jiří Bubeníček und Otto Bubeníček sind Zwillinge. Und gespielt wird  dazu, oho, nicht Richard Wagner, sondern Musik, ach was: eine soghafte, magische, aufregend oszillierende, im Doppelsinn unfassbare Klanginstallation von Klaus Lang.

Einen Tag vor dem gestrigen „Lohengrin“-Spektakel (siehe Nachtkritik) starten die Bayreuther Festspiele mit einer Uraufführung. Ganz Vorwitzige rechnen aus, dies sei mutmaßlich die erste seit 1882, seit dem „Parsifal“. Um Raum und Zeit, um deren Wechselwirkung, Dehnung, Raffung und Außerkraftsetzung geht es nicht nur im Weihespiel, sondern auch in „Der verschwundene Hochzeiter“. Klaus Lang, geboren 1971 in Graz, adaptiert dafür eine Sage seiner Heimat. Ein Hochzeiter folgt da einer Gegeneinladung eines anderen frisch Verheirateten. Auf dem Weg dorthin begegnet er allerlei Merkwürdigkeiten, er tanzt (verbotenerweise zu lange), und wenn er zurück im Dorf ist, kennt ihn keiner mehr: 300 Jahre sind vergangen.

Aus dem Stück selbst erschließt sich das nur bruchstückhaft, die Sage wird daher vorab gelesen. Gespielt wird im Reichshof im Bayreuther Zentrum, einem alten Kino. Und spätestens nach dieser Uraufführung ist der Saal zum neuen Kultort der Wagner-Stadt geadelt. Klaus Lang, Regisseur Paul Esterhazy, Video-Künstler Friedrich Zorn, die im Raum verteilten Choristen von Cantando Admont und Musiker des Ictus Ensembles glückt dabei Großartiges. Man muss sich einhören, einfühlen, einsehen in diesen endlos scheinenden Bildklangfluss. Doch irgendwann wird man willig mitgetragen und staunt. Über die Urlaute, das Schimmern und Schillern, die Textbruchstücke, die Tonpartikel, über die feingeistige Strukturarbeit und die große Sinnlichkeit. Besonders aber über die Video-Überblendungen, die Wahn und Wirklichkeit verblüffend bis beunruhigend verschwimmen lassen.

„Der verschwundene Hochzeiter“ ist eine Spur zu lang, was verschmerzbar ist. Vor allem aber ist er ein starkes, wichtiges Zeichen in einem Bayreuth, das die immer gleichen zehn Musikdramen des heiligen Richard wiederkäut. Die Produktion ist der Auftakt zur diesjährigen Reihe „Diskurs Bayreuth“, der, so die gute Idee der Chefin Katharina Wagner, in Symposien und Konzerten Festspielreflexion betreibt. Eine quasi grenzenlose Angelegenheit – passend zum „Lohengrin“ geht es heuer um Frageverbote.

Informationen:

www.bayreuther- festspiele.de/diskurs.

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