Kassandra auf dem bösen Buchmarkt

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„Nachkommen“: In ihrem neuen Roman rechnet die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz mit dem Literaturbetrieb ab. von Andreas Puff-Trojan.

Marlene Streeruwitz ist eine streitbare Schriftstellerin. Nicht nur in feministischen und politischen Angelegenheiten, sondern auch, was die Situation auf dem Buchmarkt betrifft. Letztere intellektuelle Angriffsfront ist Thema ihres neuen Buches. Die junge Heldin des Romans „Nachkommen“ Nelia Fehn hat es mit ihrem ersten Roman auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Gerade mal 20 Jahre alt, ist sie allerdings noch vor dem Erscheinen ihres Werks gewissermaßen eine Bekannte in der Literaturszene. Denn ihre Mutter Dora Fehn war eine geachtete, allgemein geschätzte Schriftstellerin. Nur der große Wurf, der Bestseller – oder wie es heute im Buchhandel heißt „der Schnelldreher“ – ist ihr nicht gelungen. Wird es ihre Tochter besser machen? Interessant, ja sogar etwas pikant, ist die Tatsache, dass Marlene Streeruwitz 2011 für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde – den Preis aber nicht zugesprochen bekam.

Da war sie zwar schon etwas älter als Nelia Fehns Schriftstellermutter, doch im Roman „Nachkommen“ heißt es, dass der Hausverlag der Mutter S. Fischer gewesen sei. Hier veröffentlicht Streeruwitz ihre Bücher. Der Titel des Erstlings von Nelia lautet: „Die Reise einer jungen Anarchistin in Griechenland“. S. Fischer kündigt an, dass Streeruwitz in der Rolle der Nelia Fehn eben diesen Roman heuer im September herausbringen wird. Die Nähe zwischen Autorin und fiktionaler Hauptperson ist also gewollt, bewusst konstruiert. Damit avanciert das Romangeschehen von „Nachkommen“ zu einer ebenso gewollten und bewussten Abrechnung mit der deutschen Buchbranche von heute. Besonders gilt das für die Szenen, in denen es um die Verleihung des Buchpreises geht: Blitzlichter. Lächelnde Gesichter. Reden, gespickt mit Phrasen und Banalogien – Fazit: „Es stellte sich ganz offen dar. Die Literatur war am Ende. Alles andere war wichtiger geworden. Und es ging um den Abstieg. Das Marketing war dann das Instrument des Obsoleten. Das Marketing stellte das Obsolete offen aus. Das hier. Das war alles schon lange vorbei. Das war eine Erinnerungsveranstaltung. Das war ein Literaturkränzchen. Gut inszeniert. Sehr gut inszeniert und im Fernsehen übertragen. Im Fernsehen übertragen, wie die Reste verteilt wurden.“

Sicher, die Kritik an den Strategien und an der Selbstwahrnehmung des heutigen Literaturbetriebs will seit einigen Jahren nicht abreißen: Mit immer weniger Publikationen werden die notwendigen Umsätze gemacht. Der „Schnelldreher“ ist das Ziel eines jeden Verlegers, wobei die Ressource „Aufmerksamkeit“ ein rares Gut ist. Streeruwitz ist die kritische Darstellung des Buchmarkts mit den Mitteln der Belletristik zu einem guten Teil gelungen. Doch das fiktionale Geschehen in „Nachkommen“ leidet auch unter einer gewissen Klischee-Bildung. Die Autorin setzt auf bestimmte Klischee-Vorstellungen und entwickelt so in ihrem Roman eine „Poetik des Banalen“. Das offensichtlich Triviale im Roman soll die realen Verhältnisse in einem noch grelleren Licht aufblitzen lassen. So verabscheut die junge Heldin Nelia Fehn Alkohol und ernährt sich vegan. Die etablierten Mitspieler im Literaturbetrieb saufen und rauchen hingegen, als ob’s kein nächstes Morgen gäbe. Die Alten, die den Gang des Literaturbetriebs bestimmen oder auch nur mitmachen, sind Schuld an dessen Niedergang. Nelia schreit ihre Botschaft bei einem Interview förmlich ins Mikrofon: „Mein Beispiel hat nur beschrieben, we are fucked. Totally fucked. Und auch das meine ich eher wörtlich.“

Die Rufe von Marlene Streeruwitz, der Kassandra des Buchmarkts, sollten nicht ungehört verhallen. Und hinter ihrer „Poetik des Banalen“ wird oft Ironie sichtbar. So gesehen ist der Roman „Nachkommen“ durchaus ein Lesevergnügen – wenn auch ein grelles.

Marlene Streeruwitz:

„Nachkommen“. S. Fischer, 432 Seiten; 19,99 Euro.

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