Kannte Orff Pegida?

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Teuflisches Glamour-Girl: Szene mit Josepha Sophia Sem (Gagler) und Sebastian Goller (Bürgermeister). Schuhbauer von jena

„Astutuli“ eröffnet die letzte Saison der Andechser Festspiele. Das ist ja das Perfide, Hinterkünftige an dem Mann: dass alles so arg stadelig aussieht.

Nach Schenkelklopfern aus dem „Königlich bayerischen Amtsgericht“ oder, etwas weniger abgehangen, aus „Schexing“. Doch in Wahrheit dreht halt Carl Orff – trotz Trachten- und Dirndlalarm – das ganz große Ding. Beschränkte Dörfler, die sich vom Gagler, einem fahrenden Gaukler, gleich dreimal à la neue Kaiserkleider mit absolut nichts hinters Licht führen lassen, das ist ja nur eine Ebene. Interessant wird’s, wenn sich die Wut des Kollektivs auf alles und alle Bahn bricht – und dies in einer wilden Publikumsbeschimpfung, die ungute Assoziationen auch ans Heute weckt: Ob Orff womöglich Pegida ahnte?

Man muss „Astutuli“ dazu allerdings ernst nehmen. So ernst wie es Marcus Everding in seinem Abschiedssommer bei den Andechser Orff-Festspielen getan hat. Natürlich gibt es in seiner Inszenierung einiges zum Schmunzeln, auch weil die Aufführung im Florianstadl auf wirklich prägnante bis kracherte Typen bauen kann, etwa auf Sebastian Goller als Bürgermeister, Konrad Wipp (Zweiter vom Rat) oder auf Oliver Vilzmann (Landsterzer). Und auch, weil Everding mit Ausstatterin Claudia Weinhart den guten alten Trick anwendet: Auf der Bühne sind Parkett und Rang gespiegelt. „Astutuli“, diejenigen, die sich für besonders klug halten, könnten also auch in Erling, Herrsching oder Weilheim hausen.

Modernismen wie das Gefuchtel mit Smartphones braucht es für all das gar nicht. Und eigentlich auch nicht, dass der Gagler von einer Frau übernommen wird, von Josepha Sophia Sem, die im teuflischen Glitzer-Hosenanzug als selbstbewusstes und -gerechtes Glamour-Girl über die Bühne stolziert: Sollte Everding da auch einen Geschlechterkampf im Sinn gehabt haben, er teilt sich nur ansatzweise mit.

Mit dem kniffligen Sprechgesang, den haarigen Taktierungen kommen nicht nur Solisten, sondern auch der Festspiel-Chor (Einstudierung: Christian Meister) hervorragend zurecht. Mehr noch: Dass der listige Orff einem harte Kost als soghafte Rhythmus-Rallye unterjubelt, lässt sich an diesem Andechser Premierenabend besonders gut erfahren. Dirigent Christian von Gehren hat auch die hochpräzise Schlagwerkgruppe so auf sich eingeschworen, dass selbst die Nummern funktionieren, wenn das Tutti von den Seiten das Parkett beschallt.

Normalerweise dauert „Astutuli“ eine knappe Stunde, Marcus Everding hat die Komödie zum fast abendfüllenden 90-Minüter erweitert. Mit vielsagenden Pantomimen. Aber auch mit Zutaten, die alle Orthodoxen von der Carl-Orff-Stiftung in die Adrenalin-Überdosis getrieben haben dürften: Das Finale, wenn die Dorfgesellschaft aus Vorfreunde auf eine (nicht stattfindende) Geldvermehrung tanzt, mündet in ohrenbetäubende Kakophonie – mit „First Construction in Metal“ von John Cage.

Eine Erweiterung der Partitur, die „Astutuli“ ausnehmend gut steht. Auch wenn das Everdings Position bei den Geldgebern nicht gerade verbessert. Schon ein weiblicher Gagler sorgte bei der Stiftung für Verstimmung. Genehmigt wurde die Aufführung von den Orff-Gralshütern trotzdem. Warum aber das Andechser Festival am Streit zwischen künstlerischer Leitung und Stiftung zugrundegehen muss, das erschließt sich – zumindest nach dieser Produktion – kaum. markus Thiel

Weitere Vorstellungen:

26., 27. und 28. Juni;

Telefon 089/ 54 81 81 81.

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