CHRISTIAN STÜCKL INSZENIERTE FÜR DAS MÜNCHNER VOLKSTHEATER GEORGE TABORIS STÜCK „MEIN KAMPF“

Wie es ist, Hitler zu lieben

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Ist der Kampf verloren? Das fragen sich Schlomo Herzl (Pascal Fligg; vorne) und Adolf Hitler (Jakob Immervoll; vorne re.), hier mit, v. li., Frau Tod (Carolin Hartmann), Gretchen (Julia Richter) und Lobkowitz (Timocin Ziegler). Foto: Arno Declair

Premierenkritik . Von Simone Dattenberger.

Wenn man ein Buch schreibt, ist ein griffiger Titel wichtig. Aber Schlomo Herzl fällt nur so etwas ein wie „Mein Leben“. Freund Lobkowitz, der sich als „Allmächtiger“ ansprechen lässt und als Gott fühlt, blödelt mit dem Möchtegern-Autor so lange herum („Schlomo und Isolde“), bis sie einen guten Titel haben: „Mein Kampf“. So nannte Adolf Hitler (1889-1945) seine hetzerische, propagandistische und biografische Schrift, und so nannte George Tabori (1914-2007) sein 1987 uraufgeführtes Stück. Christian Stückl hat es jetzt fürs Münchner Volkstheater inszeniert (mit Pause zwei Stunden 40 Minuten). Es hatte am Donnerstag Premiere.

Stefan Hageneier hat dafür einen Bretterverschlag gebaut, der das armselige Männerasyl markiert. Dominiert wird es von einer steilen Treppe, die klarmacht, dass wir uns ganz unten, im Keller, befinden, und von einem großen Ofen, der nicht heizt. Nur am Anfang glüht es durch dessen Türritzen: Man ist unweigerlich an die KZ-Krematorien erinnert. Mag der Bühnenbildner auch eine viel zu ordentliche Zimmererarbeit für das Wiener Elendsquartier abgeliefert haben, mit den erwähnten Elementen verschafft er jeder Figur außer Herzl einen so komplizierten wie charakteristischen Auftritt und der Inszenierung die nötige Dauerbedrohung. Vom Kostüm her wird Schlomo Herzl als Löckchen tragender Ostjude gekennzeichnet, und später erfahren wir von seinen furchtbaren Pogromerlebnissen; Lobkowitz ist in seinem schmuddel-weißen Mantel nicht zuzuordnen und wird von Timocin Ziegler leicht selbstironisch im wahren Sinne des Wortes leichtfüßig gespielt. Hitler wird mit kurzen Lederhosen als Bub vom Land markiert; Gretchen im Dirndl sowohl als tolerantes Naturmenschen-Wunder als auch nach Hitlers Gehirnwäsche als Nazisse; und Frau Tod erscheint als dauerrauchende – Stückls Frotzelei über sich selbst – KZ-Aufseherin.

Der Regisseur und sein Ausstatter schaffen also klare Verhältnisse. Aber wie Tabori selbst will Christian Stückl mit den Klischees, Witzen, Pingpong-Dialogen, Vorurteilen nur spielen. Beide Theatermacher nehmen die Menschen, ihre Schuld und Not, das Böse und die Güte, ihre Beziehung zu Gott und den Menschen, ihren Lebensweg ernst. Stückl bisweilen zu vorsichtig, sodass am Anfang und auch im zweiten Teil nach der Pause das Spielerische, das Komödiantische zu pomadig wirkt. Vielleicht zieht das Tempo nach der Premierennervosität in den kommenden Aufführungen noch an, damit der optimale Rhythmus von Burleske, Boulevard und Reflexion besser einrastet. Die Dezenz und Sensibilität der Regie machen aus Taboris „Mein Kampf“ auf alle Fälle eine wunderbare Parallel-Aufführung zu Lessings „Nathan der Weise“ am Volkstheater.

Pascal Fligg, ein Fels in Stückls Ensemble, auf den er stets bauen kann, ist Schlomo Herzl. Der Schauspieler kann in dieser Rolle viele Facetten funkeln lassen: vom charmanten Religionsphilosophen über den notgeilen, aber sanften Liebhaber bis hin zum körperschmiegsamen Tänzer eines Schuhputz-Balletts. Vor allem kann Fligg glaubhaft machen, was eigentlich nicht zu verstehen ist: dass Schlomo das Ekelpaket Hitler liebevoll bemuttert. Das „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ steht angesichts eines werdenden Massenmörders grell im Theaterraum. Den so präpotenten wie larmoyanten Versager gibt Jakob Immervoll nie überzogen, sondern immer so, als könnte aus dem pubertären Knallkopf noch etwas werden. Erst als der Nichtstuer, der sich grundsätzlich selbst überschätzt, seine Politiklaufbahn startet, zitiert Immervoll das typische Hitler-Gebell: Frau Tod hat ihren Handlanger. Sie wird von Carolin Hartmann lässig auf die Bühne gestellt, wie überhaupt Taboris spritziger Text die Darsteller gut stützt. Deswegen kann sich Julia Richter mit Verve und flinken Gliedern in das schöne Sinnbild der Natürlichkeit verwandeln. Allerdings wird sie dabei mühelos von einer übertroffen, die gar nicht auf dem Besetzungszettel steht: einer Henne. Sie bezaubert auch ohne George Taboris Worte die Zuschauer. Die spendeten großen Applaus – für alle.

Nächste Aufführungen

am 30., 31. Januar, 4., 5., 12. Februar; 089/ 523 46 55.

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