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WAGNERS „FLIEGENDER HOLLÄNDER“ VOM LANDESTHEATER NIEDERBAYERN ALS FREILUFT-OPER AUF DER VESTE OBERHAUS ÜBER PASSAU

Intimität statt Cinemascope

Von Markus Thiel. Reden wir also übers Wetter.

„Landshut ist uns gerade abgesoffen.“ Stefan Tilch ist ein humorvoller, cooler Intendant und meint damit im persönlichen Gespräch nicht eine der schönsten Altstädte Bayerns, sondern die „Blues Brothers“. Open Air an der Isar, angeboten vom Landestheater Niederbayern, das fällt an diesem Abend also flach. Und auch in Passau regnet es zur selben Zeit, hört auf und fängt während der Premiere kurz wieder an. Egal, das Problem sind ohnehin die Temperaturen: Kann man auf Plastikstühlen eigentlich festfrieren?

Es ist der ultimative authentische Kick. Richard Wagners „Fliegender Holländer“ kreuzt auf Frauensuche schließlich nicht zwischen den Malediven. Hier, auf der herrlichen Veste Oberhaus über Passau, wird ohnehin nicht gesegelt. Überhaupt ist die Szenerie im Innenhof weniger auf Monumental-Ereignis geeicht. Eine Art Brettlbühne gibt es mit verschiebbaren Holzstegen vor Wellen-Prospekt. Der hat drei Türen, hinter denen rote Stoffbahnen dräuen und den Titelhelden freigeben. Zur Ouvertüre (die Niederbayerische Philharmonie mit Dirigent Basil H. Coleman sitzt daneben im Zelt) jagen regensatte Abendwolken vor dem Mond vorbei. Kein Ausstatter, auch nicht Michael D. Zimmermann in diesem Fall, kann ja dagegen bestehen.

Obgleich Regisseur Johannes Reitmeier, im Hauptberuf Chef des Tiroler Landestheaters, seinen Holländer als zotteliges Treibgutwesen auftreten lässt, so sehen wir doch eine andere Geschichte: die einer Bücher lesenden, intellektuellen jungen Frau, die keine Lust mehr hat auf die Matrosen-Primitivlinge und die Herd-Heimchen im Vaterhaus. Als sich der Holländer aus seiner Arbeitskluft schält und sich als gestandener Mann mit feinen Manieren im roten Gehrock entpuppt, ist für Senta die Sache klar. Sogar das finale Opfer bringt sie: mit der zweiten Lippenberührung, mit der sie den Holländer ins erwünschte Jenseits küsst, um fortan selbst als Zottelfrau umherzuirren.

Reitmeier erzählt diese Geschichte, die doch mit großen Chormomenten ins Cinemascope-Format zu drängen scheint, als intime Szenen einer (vergeblichen) Beziehung. Das ist schlüssig, intensiv, auch überraschend in schönen Details. Die Matrosen-Aufmärsche wirken manchmal wie behelfsmäßig, für den Seeleute-Kampf im dritten Akt hat die Regie einen hübschen Theatertrick parat: Der wackere, präzise, etwas zu klein besetzte Chor übernimmt mit Totenkopfmasken einfach eine Doppelrolle. Hier sind auch die Momente erreicht, in denen sich das Orchester endgültig freimusiziert hat. Basil H. Coleman mag’s gern flott, der frühe Wagner tönt stilgerecht nach Spieloper, weniger nach vorweggenommenem Musikdrama.

Erstaunlich wieder die Sängerbesetzung, mit der die Niederbayern aufwarten können. Lars Møller klingt als Holländer so formvollendet, kontrolliert und nobel, wie er aussieht. Stephan Bootz ist als Daland das passend handfeste Gegenbild. Jeffrey Nardone (Erik) und Victor Campos Leal (Steuermann) bringen einen Schuss Belcanto ins germanische Treiben. Sabine Noack darf als Mary ein herb-androgyner Freak sein. Und Annette Seiltgen entwickelt ihre Senta aus dem Lyrischen, um am Ende triumphierende Spitzentöne abzuschießen. Kann sein, so Intendant Tilch in der ironischen Vorab-Rede ans Publikum, dass das Burgfestspielstück auch Einfluss aufs Wetter nehme. Man denke für die kommenden Jahre daher an Massenets „Thais“ (Ägypten) oder Bizets „Perlenfischer“ (Ceylon).

Weitere Aufführungen

am 29., 30. Juni sowie 7. Juli im Landshuter Prantlgarten; 14. Juli auf der Veste Oberhaus in Passau; Informationen online unter www.landestheater-niederbayern.de.