LOLA ARIAS INSZENIERTE DAS DOKUMENTAR-STÜCK „WHAT THEY WANT TO HEAR“ ÜBER EINEN SYRISCHEN ARCHÄOLOGEN FÜR DIE MÜNCHNER KAMMERSPIELE

Individuum trifft Bürokratie

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Sachliche Atmosphäre im Amt (v. li.): Raaed Al Kour, Hassan Akkouch und Michaela Steiger. Foto: Thomas Aurin

von alexander altmann. Zur Abwechslung mal eine gute Nachricht: Es darf gelacht werden.

Denn gelegentlich ist dieser Abend überraschend komisch, obwohl es um ein trauriges Thema geht in der letzten Kammerspiel-Premiere der Saison. Nämlich um Flüchtlingsschicksale und die automatische Verwandlung hilfsbedürftiger Menschen in Verfügungsmasse der Verwaltung. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass, anders als sonst bei Premieren, das Theater nicht bis zum letzten Platz besetzt war. Viele Zuschauer befürchteten womöglich das bei solchen Stoffen übliche humanitäre Bühnen-Pflichtprogramm, lobenswert in der Gesinnung, aber wenig ergötzlich und todlangweilig.

Doch dem ist keineswegs so in Lola Arias’ Dokumentar-Stück „What they want to hear“, das die Geschichte des syrischen Archäologen Raaed Al Kour rekonstruiert, der auch selbst mit auf der Bühne steht und berichtet. Von dem Haus mit dem schönen Garten, das sein Großvater gebaut hat, in dem die Familie seit Generationen lebte und das nun eine Ruine ist. Von seinem Cousin, der von Assads Geheimpolizei zu Tode gefoltert wurde, wie man an den Fotos seiner Leiche sieht, die im Internet stehen. Al Kour erzählt von seiner Fahrt per Bus durch die Türkei nach Europa, wo er erstmals in Bulgarien „erkennungsdienstlich behandelt“ wird, weshalb er dorthin zurück müsste, laut erstem deutschen Asylbescheid. Dem hat sein Anwalt aber erfolgreich widersprochen, weil die Verhältnisse im bulgarischen Flüchtlingscamp unzumutbar und die Menschen dort von bulgarischen Neonazis bedroht sind. Seit 2014 wartet und hofft Al Kour nun auf Asyl in Deutschland – aber bis jetzt ist nichts entschieden.

In den packendsten Szenen des Abends stellt er zusammen mit den Kammerspiel-Akteuren Hassan Akkouch und Michaela Steiger die Anhörungen in der Münchner Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge nach. Dominic Hubers naturalistisches Bühnenbild zeigt eine moderne, helle Amtsstube mit Computer, Zimmerpflanzen und schwarzen Raubvogelsilhouetten an den Fenstern. Über der Szene werden per Beamer die amtlichen Originaldokumente eingeblendet, die das Resultat solcher Anhörungen sind. Das Spannende für den Zuschauer: wie korrekt, emotionslos und sachlich es bei diesen Gesprächen im Amt zugeht – erschreckend sachlich fast. Und daraus erwächst auch die „entscheidende“ Erkenntnis dieses Abends: Die Rasterordnung der Bürokratie und die ungeordnet blutige, dreckige Realität der Bedrohung an Leib und Leben, aus der die Flüchtlinge kommen, bedingen zwei derart unvereinbare Weltperspektiven, dass ihr Zusammenprall ungewollt bestes absurdes Theater ergäbe, wenn er nicht beklemmende Realität wäre, in der es im Extremfall um Leben und Tod geht.

Lola Arias hütet sich aber vor wohlfeilen Schuldzuweisungen. Sie will hier keine im Prinzip ja sinnvolle Verwaltung als böse Bürokratie denunzieren, so als wäre die ein moralisches Subjekt. Vielmehr zeigt die argentinische Theatermacherin, wie aus der Begegnung von Bürokratie und leidendem Individuum notwendig Inhumanität entstehen muss. Begeisterter Jubel.

Weitere Aufführungen

am 27. Juni sowie am 3., 12., 16. und 23. Juli; Telefon 089/ 233 966 00.

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