SANKAR VENKATESWARAN INSZENIERT ZUM ZWEITEN MAL AM MÜNCHNER VOLKSTHEATER – HEUTE WIRD „INDIKA“ URAUFGEFÜHRT

Indische Versuchsanordnung

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„Der Körper selbst ist das wichtigste Ausdrucksmittel auf der Bühne.“Sankar Venkateswaran

Porträt . von melanie brandl.

„Experiment“ sei das am häufigsten genutzte Wort in den acht Wochen Probezeit gewesen, erinnert sich Regisseur Sankar Venkateswaran lachend. Und außerdem „Körper“, „Stille“ und „Langsamkeit“. Zum zweiten Mal inszeniert der sympathische Inder jetzt am Münchner Volkstheater und bringt seine ganz andere Art von Theater an die Isar. Wie schon bei seiner ersten Arbeit „Tage der Dunkelheit“ (2016) hatte er bei seiner Ankunft in München lediglich eine Idee der Handlung im Kopf, erzählt er in unserem Gespräch. „Indika“ wird heute Abend uraufgeführt und orientiert sich an der Geschichte des indischen Herrschers Chandragupta, der um 320 v. Chr. den letzten Nandakönig stürzte und das Maurya-Großreich gründete. Der Text, noch dazu auf Deutsch, ein Regie- und Bühnenkonzept fehlten auch dieses Mal.

„Es ist eben ein Experiment“, wiederholt Venkateswaran geduldig, „wir sind einfach ein Team und hatten kein hundertseitiges Textbuch wie bei normalen europäischen Inszenierungen, sondern nur knapp zwölf Seiten mit Notizen, Ideen, einer Art Urtext. Der Rest entwickelte sich im Lauf der Proben gemeinsam, wurde ausgetauscht, gelöscht, dazugedichtet.“

Dabei seien Worte an sich sowieso nicht so wichtig, fügt der 1979 in Kerala geborene Regisseur, Schauspieler und Komponist hinzu. „Der Körper selbst ist das wichtigste Ausdrucksmittel auf der Bühne, die meisten Dinge müssen gar nicht ausgesprochen werden. Bei uns treibt nicht der Text die Handlung voran, sondern wir denken mit dem Körper.“ Klingt das nicht ein wenig nach Yoga? Venkateswaran lacht wieder. „Stimmt. Aber nicht Yoga als Trainingsmethode im Sport. Mir geht es um den Körper selbst, um Stille, um Langsamkeit. Verlangsamen ist wichtig, um Dinge wirklich klar zu sehen, damit man sich auflehnen kann gegen den großen Strom – und dem rasenden Tempo unserer Gegenwart Widerstand leisten kann.“

Diese Aspekte sind es auch, die die alte Geschichte „Indika“ so aktuell machen. „In diesem Stück wird eine Gesellschaft umgewandelt von einem natürlichen Zustand des Seins in einen zentralistisch organisierten politischen Staat. Es geht um den Kontrast zwischen einer spirituellen Existenz und einem gewinn- und machtorientierten Dasein – und um die Frage, welchen Preis man dafür zahlt.“ Das sei schon immer ein zentrales Thema auf den Bühnen der ganzen Welt gewesen, bestätigt der Regisseur nachdenklich. „Trotzdem wird es in der Realität immer schlimmer. Niemand kann gesellschaftliche Entwicklungen rückgängig machen, und das will auch keiner. Aber schauen Sie sich doch all die modernen Errungenschaften an“, sagt er und deutet auf sein Handy. „Sobald sie da sind, können wir uns ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen. Dadurch werden sie zu Teilen unseres Lebens. Und wir sehen nur, welche Vorteile sie uns heute bringen – dafür, welche Konsequenzen das alles mal in Zukunft haben wird, sind wir blind.“

Eine mögliche Form des Auflehnens gegen diesen Trend sei interkulturelle Zusammenarbeit, ist Venkateswaran überzeugt. „Was in meiner Kultur als wahr und richtig gilt, muss es hier nicht sein und umgekehrt. Aber wenn wir uns austauschen, gelingt es uns vielleicht, unsere Kulturen gemeinsam zu hinterfragen.“

In Volkstheater-Intendant Christian Stückl hat er vor knapp 20 Jahren sein kulturelles Gegenstück gefunden. Den damaligen Studenten ereilte die Nachricht, ein großer, weißer Mann spaziere rauchend über das Gelände der Theaterschule, spreche alle an, aber niemand verstehe ihn. Venkateswaran verwickelte Stückl in eine Diskussion über Heiner Müller und so entstand eine Freundschaft, die bis heute hält. „Wir stehen zwar für ganz unterschiedliche Arten von Theater“, erklärt Venkateswaran seine Verbindung zum bayerischen Theatermacher. „Doch wir haben viel gemeinsam.“

Neben der Neugierde auf andere Kulturen und der Freude an Theaterexperimenten stießen die beiden auf eine weitere Parallele. Nachdem Stückl den indischen Regisseur einst mit nach Oberammergau zu „seinen“ Passionsspielen genommen hat, lud ihn dieser zu einem Theaterprojekt im tiefsten indischen Dschungel ein, weit weg von jeder Zivilisation: „Wir beide haben Kultur in eine sehr ländliche Umgebung gebracht und damit eine neue Form von Theater ausprobiert.“ Venkateswaran zögert kurz und fügt dann lachend hinzu: „Im Prinzip ist es fast das gleiche Experiment. Nur meines findet halt im Dschungel statt – und Stückls in Oberammergau.“

Premiere

ist heute, 19.30 Uhr, im Münchner Volkstheater; Restkarten mit etwas Glück an der Abendkasse.

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