WALTRAUD MEIER ÜBER IHRE RÜCKKEHR NACH BAYREUTH, ROLLEN-ABSCHIEDE UND ÜBER REGISSEURE, DIE SICH NICHT TRAUEN

„Ich will intelligent gefordert werden“

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18 Jahre ist es her, dass Waltraud Meier die Bayreuther Festspiele im Streit verließ – ausgerechnet sie, einer der größten Wagner-Stars unserer Zeit.

Mit dem damaligen Festival-Chef Wolfgang Wagner hatte sie sich irgendwann ausgesöhnt. Und dieses Jahr nun das große Comeback der 62-Jährigen: als Ortrud in der Neuinszenierung des „Lohengrin“. Premiere ist am 25. Juli, es dirigiert Christian Thielemann. Ein Besuch bei Waltraud Meier in Berlin.

-Ist ein Comeback schlimmer als ein Debüt?

Das werde ich sehen. Bei meinem Debüt in Bayreuth als Kundry legte ich 1983 eine gewisse Frechheit an den Tag. Ich konnte ja nur überraschen, weil ich noch nicht so bekannt war. Ich gebe zu, dass es nun ein bissl schwer ist. Deshalb befinde ich mich in Berlin jetzt in einem harten Trainingslager und singe die Partie dreimal pro Woche durch mit Thomas Guggeis als Korrepetitor, dem künftigen Ersten Kapellmeister in Stuttgart. Auch aus Konditionsgründen. Gerade weil ich in letzter Zeit fast nur noch Klytämnestra, Waltraute und Liederabende gesungen habe, muss ich mich rüsten für die Langstrecke. Das ist wie beim Sport.

-Wenn Sie nun nach Bayreuth zurückkehren: Wie schützen Sie sich vor den Emotionen und Erinnerungen, die einen überschwemmen und die vielleicht einen Neuanfang beeinträchtigen können?

Ich habe da nicht die Bohne Angst davor. Ich bin ohnehin ein eher pragmatischer Mensch. Nicht, dass ich jetzt ohne Gefühle durch die Welt laufe, ganz und gar nicht! Man kann nie sagen, was in einer solchen Situation mit einem passiert. Ich glaube eher, dass ich überrascht sein werde davon, wie viel sich verändert hat. Das ist ja nicht mehr das Bayreuth meiner dortigen letzten Sieglinde.

-Wie hat sich die Ortrud für Sie verändert mit dieser Wiedervorlage?

Es gibt immer wieder Sätze, zu denen mir jetzt eine andere Bedeutung einfällt. Was bleibt – aber das ist ja bei jeder meiner Partien so: Ich möchte sie von innen heraus darstellen. Ich will sie verstehen. Jede Figur, ob schrecklich oder wunderbar, hat eine innere Wahrheit. Was nicht wahrhaftig ist auf der Bühne, überträgt sich nicht nach außen. Was ich als Figur sage, muss ich mit voller Überzeugung tun nach dem Motto: Ich hab’ Recht. Das Furchtbare an dieser Person muss dann von außen gesehen werden, ob von den anderen handelnden Personen oder vom Zuschauer.

-Wenn es um Ihre letzten Isolden und Kundrys ging, sprachen Sie oft von einer „Kultur des Abschieds“, die man lernen müsse. Wie verhält sich das mit der Ortrud, die nun plötzlich wieder auftaucht in Ihrer Karriere?

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit ihr abgeschlossen. Als dann das Bayreuther Angebot kam, sagte ich mir: Ach ja, das macht die Sache rund. Dadurch wird diese Ortrud zu einem Anliegen. Also wollte ich eine letzte, die hoffentlich gut wird. Und dann kommt sicher dieses Gefühl: abschließen, abgeben, loslassen.

-Wie schwer ist das – gerade bei Lebenspartien wie Isolde und Kundry?

Jeder Abschied hat zwei Seiten. Er bedeutet auch Erleichterung. Seitdem die anderen großen Partien weg sind, habe ich erst im Nachhinein gemerkt, unter welchem Druck ich stand. Immer Höchstleistungen vollbringen, ja nie einen Fehler zu machen. Und das geht jetzt schon 42 Jahre so. Insofern tut loslassen auch gut. Es gibt da verschiedene Phasen. Das Hochkommen zu Karrierebeginn. Dann das Bestreben, auf dem Plateau zu bleiben. In Phase drei kommen Kolleginnen nach, man muss sich also behaupten. Phase vier schließlich: Wie wickele ich mich in allen Ehren ab? Es gibt nichts Schlimmeres, als peinlich in der Gegend herumzusingen. Ich habe es oft genug bei Kollegen erlebt und mitgelitten.

-Und welche ist die schlimmste Phase?

Wenn man merkt: So, jetzt plan’ mal wirklich deinen Rückzug. Wobei man einfach wissen muss: Wann genau soll er sein? Als dann die Entscheidung gefallen war, eine Rolle abzugeben, war es wieder okay. Was allerdings passiert: Ich kann mir „Tristan und Isolde“ noch immer nicht anhören. Oder den „Parsifal“. Heuer lief er wieder in Berlin, Daniel Barenboim bat mich zu kommen. Ich verehre Nina Stemme sehr. Aber es geht nicht, es ist mir noch zu nah. Trotz alledem: Es gibt nix Natürlicheres, als dass irgendetwas auch mal zu Ende geht.

-Das Problem ist doch auch, dass man mit dem Status als lebende Legende zurechtkommen muss.

Das stimmt. Ich ärgere mich ja auch furchtbar über mich selbst, wenn manche Sachen wie jetzt bei der Ortrud nicht mehr so locker klappen wie früher. Aber das ist ja wie so oft mit zunehmendem Alter: Klugheit besteht darin, Strategien zu entwickeln, das zu kompensieren.

-Die wären?

Ausdruck zum Beispiel. Ich muss einfach darauf achten, ob ein Gesamtbild entsteht, mit dem ich noch etwas Wichtiges, Gutes über die Rolle zeigen kann. Ich habe Christian Thielemann gleich gesagt: Du weißt, ich habe die 30 überschritten, ich kann im Zweifelsfall auch die Notbremse ziehen.

-Hätten Sie, im Unterschied zu Elsa, Lohengrins Frageverbot beachtet?

Aber wirklich nicht! Sobald Lohengrin die Bühne betritt, hätte ich sofort losgelegt: Woher kommst du? Wer bist du? Was willst du hier? Ich hätte alles abgecheckt. Sonst hält man es ja nicht aus.

-Sänger, die viel nachfragen in den Proben und viel Eigenes einbringen, gelten gern als schwierig.

Ein dämliches Vorurteil. Schwierig ist derjenige, der nicht richtig mitdenkt. Ich war nie und habe nie schwierig auf jemanden gewirkt, der gern künstlerisch gedacht hat. Diese Regisseure waren froh, dass man diskutieren konnte. Das heißt nicht, dass ich immer Recht bekam. Aber man redete auf einer Ebene miteinander. Ich will einfach über eine Diskussion, in der beide Seiten etwas einbringen, zu einem Ergebnis kommen. Vielleicht sogar zu einem, an das beide zunächst gar nicht gedacht haben. Und oft ging es bei großen Regisseuren wie Patrice Chéreau und Klaus Michael Grüber darum, dass man immer einfacher, immer schlichter wurde auf der Bühne, dass man ständig reduzierte, bis man sich sagte: So stimmt’s.

-Es gab bestimmt Regisseure, die sich nicht trauten, Ihnen etwas zu sagen.

Aber das ist doch dumm. Als was gelte ich denn? A priori beiße ich nicht. (Schmunzelt.) Ich finde es gut, wenn jemand mit einem begründeten Selbstbewusstsein kommt – und nicht mit einer oberflächlichen Sturheit. Es ist natürlich schon so, dass ich in gewissen Partien gegenüber dem Regisseur einen langen Erfahrungsvorsprung hatte. Sodass ich bei einigen vorgeschlagenen Dingen wusste: Oh nein, das funktioniert wirklich nicht.

-Fühlen Sie sich manchmal missbraucht als Energiespender? Wenn sich ein Regisseur sagte: Ich habe Waltraud Meier, die lass’ ich einfach von der Leine?

Ja, da bin ich enttäuscht. Da denke ich: vertane Chance. Ich will ja nicht immer dasselbe Ding abfeiern. Ich will angeregt werden. Ich will intelligent gefordert werden, das kapiert mancher nicht.

-Sie haben oft davon erzählt, wie wichtig es sei, eine Partie in den Körper hineinzubekommen. Genau zu wissen, wie man mit Gesten und Blicken reagiert und sich seiner bewusst sein muss. Wie groß ist die Gefahr, dass man dieses Wirkungsbewusste mit in den Alltag nimmt?

Da sehe ich keine Gefahr, ich finde dieses Sich-bewusst-sein sehr gut. Aber abheben? Dafür bin ich viel zu bodenständig. Ich werde innerhalb meiner Familie oder meines Freundeskreises schon auf Normalmaß gestutzt. Abgesehen davon bin ich auf der Bühne nicht in erster Linie wirkungsbewusst. Die Wirkung ist eine Folge meines Tuns, aber nicht mein Ziel. Ich will den Moment wahrhaftig machen, dann weiß ich, dass es wirkt. Aber diesen Schritt darf man nicht überspringen. Das wäre sonst so, als wenn man sich sagt: Ich will berühmt werden. Das funktioniert nicht.

-Kann man deshalb irgendwann auf den Applausorkan verzichten?

Vielleicht. Natürlich ist so etwas toll. Aber danach denke ich mir oft: Ich will nix wie heim. Beine hoch, nicht mehr reden, ein Glas Rotwein, Katze streicheln und ab ins Bett.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Informationen:

Übertragung der Premiere

am 25.  Juli in ausgewählten

Kinos, Liste unter

www.wagner-im-kino.de.

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