TAMS-CHEFIN ANETTE SPOLA ÜBER „GRENZGÄNGER“, DAS MÜNCHNER FESTIVAL INTEGRATIVER THEATERGRUPPEN, UND DIE LUST AM SPIELEN

„Ich sehe nur noch den künstlerischen Aspekt“

Anette Spola initiierte 2009 „Grenzgänger“. F: Hilda Lobinger
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Anette Spola initiierte 2009 „Grenzgänger“. F: Hilda Lobinger

Ein Festival macht Karriere oder richtiger: spielt sich ins Herz des Münchner Publikums.

„Grenzgänger“ nannte die Münchner TamS-Leiterin Anette Spola die von ihr 2009 mutig initiierte inklusive Vorstellungsreihe mit hiesigen und auswärtigen integrativen Theatergruppen. Und Grenzgänger sind sie ja, die integrierten Behinderten, nur eben ganz besondere. Ihre Intensität, ihre spielerische Unbekümmertheit machen eine Einschränkung, körperlicher oder geistiger Art, zum völlig selbstverständlichen Element des Spiels selbst. Vom 30. März bis 8. April sind acht Gruppen zu Gast, darunter hier schon gesehene wie das Münchner Theater Apropos, das  Berliner  Thikwa Theater, das Reutlinger Theater Die Tonne und die britische Stopdance Company. Neu dabei sind die Dance Company Wien, das collectif Dadofonic aus Luxemburg und das Teatro La Ribalta aus Bozen. Von Hannes Gaensslein gibt es die Ausstellung „Die große Welle“.

-Frau Spola, wie kam Ihnen die Idee zu diesem Festival?

Ja, das war so eine Eingebung. Ich hatte ja schon zusammen mit Rudolf Vogel die künstlerische Leitung vom hiesigen Theater Apropos, das mit seelisch Kranken arbeitet. Sieben Stücke sind dort entstanden. Ich war allerdings gar nicht sicher, ob ich ein Festival stemmen könnte. Kulturreferent Hans-Georg Küppers hat mich dann aber eindringlich ermutigt. Weitere finanzielle Unterstützung kommt vom Sozialreferat Bezirk Oberbayern, von Stiftungen wie „Aktion Mensch“ und von Sponsoren. Außerdem hat das Festival auch ein größeres Publikum gewonnen durch kooperierende Theaterhäuser. Heuer sind es die Kammerspiele und das HochX. Dafür sind ich und Lorenz Seib, seit 2011 im TamS an meiner Seite, sehr dankbar. Die größeren Produktionen wären auf unserer kleinen TamS-Bühne gar nicht aufführbar.

-Wie funktionieren diese Theatergruppen?

Es gibt Einrichtungen, die Behinderte zum Beispiel im handwerklichen Bereich beschäftigen, aber zusätzlich Theaterarbeit anbieten. Ein Beispiel wäre Passau, wo seit 1999 geistig Behinderte nebenher in ihrem sehr erfolgreichen Theater Brût spielen, das wir mit der Bergbauerntragikomödie „Muuuh“ eingeladen haben. In anderen Gruppen, wie dem Berliner Thikwa Theater, sind die Behinderten vollberufliche Schauspieler und zum Teil auch für Bühne und Kostüme verantwortlich. Wobei fast immer nicht behinderte Profis mit aktiv sind.

-Das Theater Die Tonne aus Reutlingen, das 2016 mit „Frida Kahlo“ begeisterte, beschäftigt sich diesmal mit Charlie Chaplin. Das Thikwa, bereits „Grenzgänger“-Stammgast, kommt mit dem Stück „Zwillinge“. Erkennt man da eine Weiterentwicklung der Gruppen?

Auf jeden Fall. Die Darsteller werden immer selbstbewusster, sind an der Suche nach Themen und bei der Erarbeitung der Stücke beteiligt. Es entsteht da aus ihren ganz persönlichen Vorlieben und Möglichkeiten auch eine ganz neue Ästhetik. Mittlerweile sind ja viele Behinderte in städtischen Theatern integriert. Ich selbst sehe nur noch den künstlerischen Aspekt, die Behinderung fällt bei mir ganz aus dem Blickfeld. Und es ist bemerkbar, dass immer mehr Zuschauer dieses integrierende Theater schätzen – sogar renommierte Schauspieler. Im Thikwa-Stück werden wir Anne Tismer sehen.

-Was einen berührt, ist die unverfälschte Präsenz der Darsteller, die Lust am Spielen.

Ja, und zugleich wissen sie um ihre Behinderung und gehen damit ganz selbstverständlich ironisch um.

Das Gespräch führte Malve Gradinger.

Informationen

Karten: 089/ 34 58 90 oder tams@tamstheater.de; Termine: www.grenzgaenger-theater.de

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