„Ich genieße einfach jeden Tag“

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Interview zum Eurovision Song Contest . Die deutsche Teilnehmerin Ann Sophie über Druck, negative Kritik und den Traum von der Karriere als Musikerin.

Der Sieger des deutschen Vorentscheids verzichtet freiwillig auf den Auftritt beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) – das gab es in der Geschichte des europäischen Musikwettbewerbs noch nie. So fährt Ann Sophie Dürmeyer, die – ähnlich wie Lena Meyer-Landrut – unter ihrem Vornamen auftritt, zur 60. Ausgabe des ESC am 23. Mai in Wien. Dort wird sie ihren Titel „Black Smoke“ singen. Die 24-jährige Hamburgerin mit Geburtsort London begann vor drei Jahren mit eigenen Songs aufzutreten. Mit „Jump The Gun“ bewarb sie sich für das sogenannte Clubkonzert und gewann – wie im Jahr zuvor das Frauentrio Elaiza – die Wildcard für den deutschen Vorentscheid.

-Denken Sie noch oft an diesen Moment am 5. März zurück, als Andreas Kümmert Ihnen und den Zuschauern mitgeteilt hat, dass er nicht beim ESC-Finale antritt und Ihnen seinen Startplatz überlässt?

Ja klar, das war ganz surreal. Ich hatte mich ja schon damit abgefunden, nicht nach Wien zu fahren – und hätte es Andreas auch sehr gegönnt. Und dann sollte ich auf einmal doch fahren dürfen. Ich wussste gar nicht, ob ich das glauben kann.

-Hätten Sie gerne noch einmal ein Votum des Publikums gehabt, ob das so in Ordnung geht?

Im allerersten Moment schon, ja. Aber es hatten ja auch viele Zuschauer für mich angerufen, ich war den ganzen Abend auf Platz zwei, und nun trete ich eben als Zweitplatzierte an.

-Andreas Kümmert hatte seine überraschende Absage damit begründet, dass er sich dem Druck nicht gewachsen fühle. Der Druck ist für Sie kein Thema?

Nein, kein bisschen. Ich weiß, dass das dazugehört, wenn man beim ESC mitmacht, und habe damit kein Problem.

-Nach dem deutschen Vorentscheid kommt es in den Sozialen Netzwerken regelmäßig zu hitzigen Debatten darüber, ob da wohl der richtige Interpret und der richtige Titel ins Rennen geschickt wurden. Wie gehen Sie damit um, wenn Sie lesen, dass eine Hälfte Ihnen die Daumen drücken und die andere Ihnen den letzten Platz prophezeit?

Das prallt an mir ab, ehrlich gesagt. Ich freue mich über die 50 Prozent, die mich unterstützen...

-Sie schauen sich nie die Kommentare an, die online über Sie geschrieben werden?

Doch schon, manchmal, auch die negativen. Und dann amüsiere ich mich ein bisschen darüber, wieviel Zeit manche Leute haben, sich mit mir auseinanderzusetzen. So viel Zeit hätte ich nicht.

-Es verunsichert Sie nicht?

Nein. Ich habe eine coolen Hintergrund, Familie, Freunde, die mich unterstützen und mir Liebe schenken. Und ich arbeite mit einem tollen Team zusammen. Die positive Energie, die von all dem ausgeht, ist viel stärker als die negative einer Person X aus Y, die mich nicht gut findet.

-Haben Sie sich schon mit Elaiza getroffen oder mit Lena, um sich Tipps fürs Finale geben zu lassen?

Elaiza habe ich beim Clubkonzert im Februar getroffen, aber da stand ja noch gar nicht fest, ob ich da gewinnen, und zu Lena habe ich keinen Kontakt. Aber ich glaube sowieso, dass es besser ist, wenn man seine eigenen Erfahrungen macht.

-Wie bereiten Sie sich auf das Finale vor?

Eigentlich bereite ich mich seit dem ESC-Vorentscheid auf das Finale vor. Ich gebe viele Interviews und singe auf ESC-Parties und bei Fernsehauftritten immer wieder meinen Song „Black Smoke“. und genieße einfach jeden Tag!

-Wie würden Sie Ihren musikalischen Stil beschreiben? Wer hat Sie am meisten beeinflusst?

Ich würde meinen Stil als Mischung aus Pop, Soul und Jazz bezeichnen. Früher war Christina Aguilera mit ihrer souligen Stimme mein Vorbild. Das war immer so die Richtung, in die ich mich entwickeln wollte. Aber auch Beyoncé hat mich inspiriert, außerdem Regina Spektor oder Etta James. Ich kann das nie so genau sagen, wer mich da jetzt beeinflusst, wenn ich einen Song schreibe, das läuft alles unterbewusst.

-Was ist zuerst da, der Text oder die Musik?

Ich setze mich ans Klavier, spiele ein paar Akkorde, und daraus entsteht dann manchmal eine Akkordfolge, die mich berührt, und aus dieser Emotion heraus schreibe ich dann den Text dazu. Manchmal entsteht ein Song in einer Stunde, manchmal dauert’s aber auch viel länger.

-Und Musikerin zu sein und auf der Bühne zu stehen war schon immer Ihr Traum?

Ja! Ich liebe es! Ich habe schon früh mit Ballett angefangen. Mit zweieinhalb Jahren hat meine Mama mich ins Teddybärballett gesteckt, in London, und dann hab’ ich 15 Jahre lang geturnt und getanzt. Zurück in Hamburg, hab’ ich mit dem Ballett nur deswegen aufgehört, weil wir keine Aufführungen hatten. Das war mir schon immer wichtig, dass ich Auftritte habe.

-Aber Ballett ist ja jetzt nicht Musik im engeren Sinn...

Nein, aber man kommt schon früh mit Musik in Berührung, man lernt, sich zur Musik zu bewegen. Aber ich habe mit sechs Jahren angefangen Klavier zu spielen, später kam das Cello dazu, dann habe ich begonnen zu singen. Musik war schon immer mein Ventil für alles, was mich bewegt. Und mit 14 Jahren wusste ich, dass ich Musikerin werden will und muss.

-Eine Ausbildung am Lee Strasberg Theatre Institute – das klingt eher nach Schauspielerei...

Es ist eine Schauspielschule, aber als Schauspieler muss man sich bewegen können, man muss eine geschulte Stimme haben, singen können. Ich habe mich beim Lee Strasberg Institute eigentlich nur beworben, um einen Grund zu haben, nach New York zu gehen.

-Wer hat Sie am meisten bestärkt bei der Entscheidung, professionell Musik zu machen?

Eigentlich alle. Meine Eltern, meine Freunde – die wussten immer, dass ich auf die Bühne gehöre. Da gab es nie eine Debatte darüber, ob ich vielleicht was anderes machen soll, BWL studieren oder so etwas. (Lacht.)

-Aber die Teilnahme am Eurovision Song Contest ist nicht das, was man anstrebt von klein auf, oder?

Nein, natürlich nicht.

-Dann haben Sie den Grand Prix auch nicht schon als Kind angeschaut, zusammen mit den Eltern, mit Chips und Limonade?

Nein, bewusst das erste Mal, als Lena dabei war (im Jahr 2010, Red.). Dass da ganz Europa zusammenkommt, um zusammen Musik zu machen, fand ich toll.

-Das klingt aber nicht so, als hätten Sie als Kind schon mit Eltern und Bruder vor dem Fernseher gesessen, mit Chips und Limonade...

Nein.

-Dann kann man Sie ja auch gar nicht nach Ihrem Lieblingssiegersong fragen?

Doch! Ich fand Lenas Song „Satellite“ immer super. Der stach und sticht heraus, bis heute.

-Wie sehen Ihre Pläne für die nähere Zukunft aus?

Ende der Woche erscheint mein Album „Silver Into Gold“, und es wird auf jeden Fall eine Tour geben. Alles andere hängt davon ab, was beim ESC-Finale am 23. Mai passiert.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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