„Ich bitte Sie zu protestieren“

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Erst Mahler-Lieder, dann ein Appell: Christian Gerhaher während des BR-Konzerts im Münchner Gasteig. foto: meisel

Gerhaher erinnert Seehofer an sein Konzertsaal-Versprechen, auch andere Promis üben Kritik. So verführerisch wie billig wäre es, das Existenzielle, Abgründige von Gustav Mahlers „Rückert-Liedern“ auch auf die Konzertsaal-Debatte zu beziehen, vielleicht mit ein, zwei passenden Liedzeilen.

Genau deshalb hat Christian Gerhaher nach getaner Gesangsarbeit anders gehandelt. Nachdem er sich am Donnerstagabend in Münchens Philharmonie den begeisterten Applaus abgeholt hatte, kehrte er mit einem Mikrofon auf die Bühne zurück.

Leise, bescheiden, zurückhaltend, doch sehr bestimmt bezog Gerhaher Position in der Konzertsaal-Debatte. Gewiss, so der Bariton, rechne Horst Seehofer mit einem baldigen Abebben der Kritik. Man solle jedoch „unseren Ministerpräsidenten“ möglichst lange daran erinnern, „dass er nicht nur in seiner Regierungserklärung einen neuen Saal neben der Philharmonie versprochen hat“. Gerhaher bezog sich auch auf eine mögliche Münchner „Blamage“, meinte jedoch, es sei falsch, sich über Stolz zu definieren, sondern müsse dies über die Freude an der Musik tun. Den Umbau der Philharmonie bezeichnete er als unkalkulierbar. „Ich bitte Sie zu protestieren“, sagte Gerhaher unter heftigem Applaus und Bravo-Rufen. Protestiert hatten viele bereits vorher. In den Foyers lagen Unterschriftenlisten aus, die Besucher wurden teilweise angesprochen und um Unterstützung gebeten für einen neuen Saal.

Wie Gerhaher und tags zuvor Geigerin Anne-Sophie Mutter in einem Interview (wir berichteten) melden sich nun immer mehr Weltstars zu Wort. So hat etwa der polnische Tenor Piotr Beczala in einem Facebook-Eintrag die Münchner Situation kritisiert. Wenn sich Katowice einen neuen Saal leisten könne, der unter 100 Millionen Euro kostet und innerhalb von zwei Jahren gebaut wurde, dann könne man „nur müde lachen über die Pläne, den Gasteig umzubauen für das Dreifache“. Und weiter: „München-Kulturstadt ohne Philharmonie für Jahre...??? Was soll das!“ Per Internet hat sich auch die Sopranistin Juliane Banse geäußert. „Wer da aufgrund welcher Qualifikation welche Entscheidungen trifft – wenn wir unseren Job so machen würden, hätten wir schon lange keinen mehr!“, schrieb sie auf Facebook.

Kritik kommt zudem vom Deutschen Musikrat. „Wenn am Ende eines zehnjährigen Diskussionsprozesses die schlechteste aller denkbaren Lösungen herauskommt, ist dies kein Ruhmesblatt für die Musikstadt München und die verantwortlichen Politiker“, sagte Generalsekretär Christian Höppner. Die Orchesterstadt München nehme im bundesweiten Vergleich eine Spitzenposition ein und stehe damit in besonderer Verantwortung für das kulturelle Erbe. markus Thiel

Zurück zur Übersicht: Kultur & TV

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare