„MIRANDA JULYS DER ERSTE FIESE TYP“ WURDE VON CHRISTOPHER RÜPING AN DEN KAMMERSPIELEN ALS GROTESKE URAUFGEFÜHRT

Hui, wie kühn

Zwei Frauen raufen sich zusammen: Maja Beckmann und Anna Drexler (re.) in der Theaterparodie auf einen Roman, der als „freche“ Seifenoper daherkommt. F: David Baltzer
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Zwei Frauen raufen sich zusammen: Maja Beckmann und Anna Drexler (re.) in der Theaterparodie auf einen Roman, der als „freche“ Seifenoper daherkommt. F: David Baltzer

Premierenkritik . Von Alexander Altmann.

Schon bevor’s losgeht, ist ganz schön was los. Während die Zuschauer noch ins Parkett strömen, machen sich Anna Drexler und Maja Beckmann auf offener Bühne warm. Sie trainieren für’s Damen-Wrestling, das sie nachher vorführen – sowohl konkret als körperlichen Ringkampf, bei dem der Piepston der Mikrowelle als Pausengong dient, als auch im übertragenen Sinn. Denn darum, wie sich zwei gegensätzliche Frauen zusammenraufen und so aneinander reifen (ach je), geht es im Roman „Der erste fiese Typ“ der US-amerikanischen Autorin Miranda July, den die Münchner Kammerspiele jetzt als Uraufführung auf die Bühne brachten.

Schon die seltsame Titelformulierung „Miranda Julys Der erste fiese Typ“ macht klar: Hier wird nicht ein Romanstoff dramatisiert, sondern das Phänomen eines Romans. Denn Miranda Julys Buch ist eigentlich eine Allerweltsstory aus dem besseren Unterhaltungssegment. Sie handelt von Cheryl, Mitte vierzig, bei der „vorübergehend“ Clee einzieht, die 20-jährige Tochter ihres Chefs; und das wird, wie es gern in Klappentexten solcher Romane heißt, Cheryls „Leben umkrempeln“.

Zuerst ist sie aber mal eine Katastrophe, diese Clee. Nervensäge, Schmuddelkind, Chaotin, ein Monster an Unhöflichkeit und Egoismus. Als sich Cheryl endlich dagegen wehrt, Ringkämpfe mit der Jüngeren austrägt, kommen sich die beiden näher. Nachdem Clee ein Kind kriegt – wobei alle lustvoll mit Theaterblut rumspritzen –, werden die zwei Frauen ein Liebes- und Familienpaar. Auch vorübergehend. Ein bisschen komisch, ein bisschen rührend und, hui, wie kühn, auch ein bisschen „schräg“ ist das; eine „Brigitte“-Geschichte, wie man so sagt, also höhere, als Literatur getarnte Kolportage, die sich vor allem an Leserinnen richtet. Der Stoff eben, aus dem Hollywood gern schnulzige Komödien macht.

Just als zart-groteske Parodie so einer „frechen“ Seifenoper hat Hausregisseur Christopher Rüping den Abend gestaltet. Die fast leere Bühne ist eine offene Spielwiese, auf der einzelne Szenen plus Live-Videos locker und rasant ineinander verzahnt sind, gelegentlich ge- und unterbrochen von Kommentaren, Absprachen oder Anweisungen der beiden Spielerinnen an die stimmgewaltige Multi-Instrumentalistin Brandy Butler, die für Livemusik sorgt.

Gleich zu Beginn treten Anna Drexler und Maja Beckmann an der Rampe in Dialog mit dem Publikum und erklären treuherzig im Chor, der fragliche Roman sei ihr „Lieblingsbuch“. Das ist zwar seinerseits ein bisschen „fies“, sich mit dieser Hanni-und-Nanni-Attitüde über Leserinnen solcher Bücher lustig zu machen, aber witzig ist es auch. Außerdem gehört es zum Inszenierungsstil von Christopher Rüping, zu diesem Theater, das sich selber leicht amüsiert beim Theatern über die Schulter schaut, also quasi eine genießbare Light-Version von René Pollesch darstellt. Was den Vorteil hat, dass dabei wirkliche Schauspielerei stattfinden kann, denn eben das ist dieser unterhaltsame Abend zuallererst: ein opulentes Fest für zwei hinreißende Schauspielerinnen.

Maja Beckmann gibt als Cheryl das adrette Büromäuschen in gestärkter Bluse, betulich, pusselig, ein hübsches, aber scheues Hascherl, das viel zu anständig ist und folglich am „Globus hystericus“ leidet, zu deutsch, sie hat bei geringster Aufregung gleich den berühmten Kloß im Hals.

Anna Drexler spielt nicht nur die rotzige Clee als großäugige Kuh, raumgreifendes Trampeltier und brachiale Unsympathin, die ihre Schuhe durch die Gegend fetzt sowie Stapel ungewaschener Teller in der Küche hinterlässt. Sondern ihr gelingen auch in verschiedenen Männerrollen grellkomische Karikaturen von Platzhirschgehabe. Was für ein Glück, dass uns die Drexler durch ihren Wechsel ans Residenztheater in München erhalten bleibt. Kein Wunder, dass die beiden Ausnahmeschauspielerinnen am Ende an Seilen in den Theaterhimmel aufschweben, während ihnen ein Astronaut von unten nachwinkt. Riesenbeifall.

Nächste Vorstellungen

am 2., 6., 18. und 31. Mai; Karten: 089/ 23 39 66 00.

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