ERÖFFNUNG DES FESTIVALS AUF GUT IMMLING MIT GIUSEPPE VERDIS „DON CARLO“

Hürdenlauf ins Paradies

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Eindrucksvolle Bilder ohne große Bühnentechnik bietet die Inszenierung von Stefano Simone. foto: Vladimir Klejch

von tobias Hell. Wer in die Oper geht, kommt ins Paradies.

Ein vollmundiges Versprechen, das sich die Festspiele auf Gut Immling heuer zum Motto erkoren haben. Doch mit Unterstützung des Wettergottes dürfte sich am Eröffnungsabend tatsächlich so mancher beim Ausblick aufs malerische Chiemgauer Panorama wie im Garten Eden gefühlt haben. Sich allein auf die eindrucksvolle Naturkulisse zu verlassen, reicht freilich nicht, um im Festivalreigen zwischen München und Salzburg mitzuhalten. Zum Glück müssen sich die Immlinger aber auch mit dem, was drinnen auf der Bühne geboten wird, keineswegs verstecken.

Regisseur Stefano Simone Pintor kennt das Haus von seiner gelungenen Produktion der „I vespri siciliani“ aus dem Vorjahr und beweist mit einem klug balancierten „Don Carlo“ erneut, dass er ein gutes Händchen für Verdi hat. Der Italiener weiß mit der speziellen Raumsituation geschickt umzugehen und versteht es, ohne große Bühnentechnik eindrucksvolle Bilder zu zaubern. Womit keineswegs nur die vom Immlinger Chor inbrünstig dargebotenen Tableaus der Autodafé-Szene gemeint sind, sondern vor allem die intimen Zweier- und Dreierkonstellationen, die in der vieraktigen italienischen Version von Verdis genialer Schiller-Vertonung trotz aller Schauwerte dominieren.

Der von Pintor mit Ausstatter Walter Ulrich gestaltete abstrakte Einheitsraum erlaubt es, das Geschehen klar zu fokussieren und die Darsteller in den Mittelpunkt zu rücken. Angefangen vom Freundschaftsduett, bei dem sich Carlo und Posa mit den Kanten des Reichsapfelkreuzes zur Ader lassen und Blutsbruderschaft schwören, bis hin zu den sich als roter Faden durch den Abend ziehenden Schattenspielen.

Dass bei den großen Choraufmärschen der Zuschauerraum immer wieder effektvoll mit bespielt wird, leuchtet zwar ein, macht die Koordination mit dem Graben allerdings nicht leicht. Doch Lorenzo Coladonato, der kurzfristig für die erkrankte Cornelia von Kerssenbrock übernommen hatte, ließ sich davon bei seinem vorwärtsdrängenden Dirigat nie aus der Ruhe bringen und hatte den Chor selbst bei kleinen Ausreißern dank klarer Zeichengebung stets schnell wieder eingefangen.

Auch die Solisten durften sich bei ihm in guten Händen fühlen. Allen voran der zweite Einspringer des Abends, Héctor López in der Titelpartie. Er suchte sein Heil meist in der Flucht nach vorne. Wobei sich sein rauchig timbrierter Tenor in den oberen Lagen oft verhärtete und an Glanz verlor. In dramatischere Regionen schien auch seine Partnerin Anna Patrys zu streben, die ihren voluminösen Sopran bei Elisabettas „Tu che le vanità“ allerdings sanft ins Piano zurücknehmen konnte und damit Boden gut machte.

Die sängerische Krone des Abends gebührte Kate Allen, die als von Eifersucht und Schuld zerfressene Prinzessin Eboli eine glanzvolle Vorstellung bot und diese mit einem heftig akklamierten „O don fatale“ veredelte. Ähnliche Ovationen bereitete das Publikum dem makellosen Posa von Slawomir Kowalewski. Er verkörperte nicht nur den vertrauenswürdigen Freund, sondern verteidigte im Duett mit dem König, das Pintor als öffentliche Anhörung inszenierte, auch sängerisch seinen Standpunkt. Alles andere als leicht hatte es somit Oleksandr Pushniak, der zwar einem balsamisch weichen, aber nicht gerade autoritären Filippo II. verkörperte und sich trotz seiner facettenreich gestalteten Arie bald darauf dem machtvoll orgelnden Großinquisitor von Gelu Dobrea beugen musste. Aber vor den Zutritt zum Paradies, hat die Kirche ja bekanntlich so manche Hürde gesetzt.

Informationen:

Die Immlinger Festspiele dauern bis 19. August; Karten und Spielplan unter www.gut-immling.de.

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