EINE NEUPRODUKTION WIE AUS DEM ARCHIV: PUCCINIS „LA BOHÈME“ BEI DEN TIROLER WINTERFESTSPIELEN IN ERL

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„Erl 12 km“ – nicht länger über diese Ortsangabe nachdenken, sondern den Gesang von Lada Kyssy (Mimì) und Matteo Desole (Rodolfo) genießen. Foto: Tiroler Festspiele erl

Premierenkritik . Brannenburg, diese Ecke müsste das sein, kurz hinter Neubeuern.

Auch dort könnten sie ja leben: verkrachte Lebenskünstler, denen das Jetzt alles und die Zukunft wurscht ist. Intellektuelle, geldknappe Hallodris, die man freilich eher in ranzigen Innenstadtvierteln als hier vermuten würde, im Land der herausgeputzten Höfe, zwischen Alt-, Neuwirt und Dorfkirche. Aber da steht nun mal am Schlagbaum „Erl 12 km“ in jener vorletzten Szene, in der Rodolfo seine todwund hustende Mimì fast verlässt. Wer länger nachdenkt über die Verortung, ist selbst schuld. Ein Gag, sonst nichts, herzlich belacht und beklatscht vom Premierenpublikum.

Was wieder einmal zeigt: Giacomo Puccinis „La bohème“ funktioniert immer. Ob gerade wieder an der Bayerischen Staatsoper mit Münchens ältester, unzählige Male geflickter Inszenierung aus den Sechzigerjahren oder jetzt im Festspielhaus Erl, dessen Neuproduktion im Grunde gar nicht viel jünger wirkt. Einfach tun, was im Text steht, die Sänger machen lassen, und mindestens 200 feuchte Augenpaare sind im Finale garantiert. Da macht es auch gar nichts, dass die Erler Szenerie nicht nur ästhetische Fragen aufwirft: Die Bude von Rodolfo, Marcello & Co. ist ein hoch hängendes, von weißem Bausch umgebenes Zimmer. Ein Wolkenkuckucksheim, so dachte sich das Bühnenbildner Peter Hans Felzmann. Ein akustisches Problem, in dem die Stimmen wie gefangen klingen, das ist das Ergebnis.

Immer mehr zeichnet sich beim Festival unweit von Kufstein ein Prinzip ab. Im Winterdurchgang wird aufs Populäre vertraut (vergangenes Jahr zum Beispiel mit der Premiere von Rossinis „L’italiana in Algeri), im Sommer wagt sich Prinzipal Gustav Kuhn in Randbiotope vor. 2018 sogar an eine Wiederentdeckung mit Rossinis im Archiv versunkenen „Ermione“. Als Lockstoff (und zur Querfinanzierung) dient im Juli der unverwüstliche Erler „Ring“. Und jetzt, wie in diesen Tagen, ein sogar jahreszeitlich passender Schlager. Für die Regie zeichnet bei „La bohème“ Furore di Montegral verantwortlich. Ein Kollektiv aus Gustav Kuhns toskanischer Akademie, hinter dem sich auch der Meister höchstselbst verbergen dürfte und dessen Name der zweite Gag des Abends ist: Von Furor ist an diesem Abend verhältnismäßig wenig zu spüren.

Zwischen den Bühnenversatzstücken mit Wolkenzimmer, Fassadenwänden, Bistromöblierung fürs Café Momus und dem bizarren Schlagbaum-Ort wird bescheiden, ehrlich und mit Mini-Modernisierungen am Libretto entlang erzählt, Regie-Todsünden wie rhythmische Chorbewegungen zur Musik inklusive. Viel Raum lässt dies für die Sänger. Und hier hat Kuhn – meist aus eigener Talentschmiede – wieder Hochachtbares engagiert. In der Premiere (Erl arbeitet traditionell mit Mehrfachbesetzungen) singt sich Matteo Desole in den Mittelpunkt. Ein lyrischer Rodolfo mit attraktivem, schmiegsamem und meist frei ausschwingendem Tenor. Lada Kyssy kontrastiert dazu als herbe, charakterstarke Mimì. Bianco Tognocchi liefert als Musetta die passenden Zickentöne. Nicola Ziccardi (Marcello), James Roser (Schaunard) und Daniele Antonangeli (Colline) sind, was sie ehrt, am Teamspiel und nicht am Gockeln interessiert.

Im Graben liefert Gustav Kuhn dazu ein Puccini-Musterstück. Eher straff in den Tempi, ohne emotionale Drücker, dabei auf die Klangsubstanz seines Festspielorchesters vertrauend. Wann Tempo- und Farbwechsel erforderlich sind, wo Motive und Nebenstimmen hervorgehoben werden sollten, wann man Colla-parte-Linien zurücknimmt, damit Gesangsstimmen nicht absaufen, wo es aufrauschen darf, all das hat Kuhn im kleinen Finger. Dass aus den hinteren Reihen die Solisten dennoch etwas diffus rüberkommen, mag ein Problem der Akustik sein. Außerdem muss Puccini nicht so groß besetzt werden wie in diesem Fall. Kuhn mag man das verzeihen – wer ein solches Ensemble zur Verfügung hat, zeigt es nur zu gern her.

Informationen:

Die Tiroler Festspiele dauern bis 7. Januar; „La bohème“ noch am 6. Januar, Rossinis „Barbier von Sevilla“ am 5. Januar, dazu Konzerte; Spielplan und Karten unter www.tiroler-festspiele.at.

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