MIT „ROMEO UND JULIA“ STARTETE DAS FESTIVAL „RADIKAL JUNG“

Herzblut

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Von Michael Schleicher. Das Lebkuchenherz ist die WhatsApp unter den Süßigkeiten: „I mog Di“, „Spatzl“ oder „Ois easy“, klare Botschaften in fragwürdiger Diktion in die Welt gesetzt.

Seit dem Wochenende darf das Lebkuchenherz, vielfach verteilt unter den Gästen der Eröffnungspremiere von „Radikal jung“, zudem als Metapher fürs Theater gelten.

Keine Frage: Das Münchner Festival für Regie-Talente ist eine Herzenssache fürs Team um Kilian Engels, Leiter von „Radikal jung“ und Chefdramaturg am Volkstheater, sowie für dessen Intendanten Christian Stückl. Herzenssache ist es aber auch fürs Publikum, das der 14. Auflage, die bis Samstag läuft, erneut eine Traum-Auslastung bescheren wird; 2017 lag sie bei 93,4 Prozent. Dass den Ensembles der eingeladenen Produktionen die Herzen vor Freude und Aufregung zu bersten drohen, versteht sich. Und radikal (hoch) ist der Zuckeranteil pro Lebkuchenherz obendrein.

Gestartet ist das Festival am Samstag mit Shakespeares „Romeo und Julia“ vom Schauspiel Köln. Klar, dass die Herzmetapher auch hier trifft wie im Drama Romeos Degen die Brust Tybalts. Zumal sich Regisseurin Pinar Karabulut ganz auf die Unbedingtheit und Unmöglichkeit dieser verbotenen Liebe konzentriert. Wie Shakespeares Liebende in die Ungewissheit, so springt ihre Inszenierung mitten hinein ins Tanzfest bei den Capulets, wo sich Romeo und Julia begegnen. In diesem ersten Aufeinandertreffen nimmt Karabulut bereits die Tragödie vorweg: Annäherung, Begehren, Leidenschaft – während die als Totenfratzen geschminkten Gesichter der Schauspieler vom bitteren Ende künden.

Thomas Brandt und Kristin Steffen spielen mit (spät-)pubertärer Penetranz, die weder Pathos noch Lächerlichkeit fürchtet. Bettina Pommers kluges Bühnenbild, ein Glaskasten mit Drehtüren, sorgt dafür, dass alles Private auch öffentlich wird. Wunderbar hasten, hecheln und schlittern Steffen, die ihrer Julia ordentlich Selbstbewusstsein mitgibt, und Brandt durch ihre Gefühlswallungen. Die Atemlosigkeit, die Karabuluts stringente Inszenierung dadurch erhält, passt zur Dringlichkeit dieser Liebe. Die Kölner Produktion überzeugt zudem mit einer tollen Ensembleleistung – und herrlichen Einfällen: Wenn etwa Julias Mutter (Yvon Jansen), ein Monster auf High Heels, deren krallenartige Fingernägel vor allem dazu  dienen,  die Tochter festzuhalten, mit Schönheitsmaske auftritt, die das Gesicht zur Fratze verzerrt und deren Halterungen wie eine Krone aussehen. Oder wenn sich Bruder Lorenzo (Benjamin Höppner) und Julias Amme (Sabine Waibel) in durchgenudelten Liebesliedern und Kopulier-Songs näher- und nahekommen, von „Words don’t come easy“ über „Love is in the Air“ und  „Bed of Roses“ bis zu „Sex Bomb“ und „Boombastic“.

Ein starker Festivalauftakt also, und auch gestern war das Schauspiel Köln am Start, mit Charlotte Sprengers Uraufführung „Alles, was ich nicht erinnere“ nach Jonas Hassen Khemiris Roman. Heute ist bei „Radikal jung“ das Hamburger Thalia Theater zu Gast. Marie Rosa Tietjen, als Schauspielerin gerade in der Rolle der Geiselnehmer-Freundin Marion Löblich im ARD-Drama „Gladbeck“ zu sehen, inszenierte mit Birte Schnöink „Bilder deiner großen Liebe“ nach dem unvollendeten Roman des „Tschick“-Autors Wolfgang Herrndorf (1965-2013).

„Radikal jung“

läuft noch bis Samstag; Karten und Spielplan: www. muenchner-volkstheater.de.

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