Auf Herz und Nieren geprüft

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Platon

Zur Ausstellung im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses . Was große Philosophen über Freundschaft sagten – und wie die Maler Franz Marc und August Macke sie lebten.

Von Hildegard Lorenz

„Am 6. Januar 1910 besuchte August Macke Franz Marc zum ersten Mal in seinem Münchener Atelier“, so beginnt das Vorwort zum gemeinsamen Katalog des Münchner Lenbachhauses und des Kunstmuseums Bonn zur Ausstellung „August Macke und Franz Marc – eine Künstlerfreundschaft“ (unsere Zeitung ist Medienpartner). Die Freundschaft beider Männer, die sich ab dieser Begegnung entwickelte, ist auch durch den Briefwechsel greif- und belegbar, der bereits 1920 bei Cassirer veröffentlicht wurde und heute bei Holzinger zu haben ist (Franz Marc/August Macke: „Briefwechsel 1910–1914“. Holzinger, 59 Seiten; 9,80 Euro). Sie währte bis zu Mackes Tod im ersten Kriegsjahr 1914. Marc fiel 1916.

Es liegt freilich nahe, darüber zu spekulieren, was aus dieser Freundschaft alles hätte werden können, wenn beide den Krieg überlebt hätten und älter geworden wären: Es endete doch manch andere Malerfreundschaft im erbitterten Konkurrenzkampf und eine davon sogar mit einem abgeschnittenen Ohr. Deshalb soll die Künstlerfreundschaft zwischen Marc und Macke anhand der Freundschaftsdefinitionen einiger Philosophen auf Herz und Nieren geprüft werden.

Macke war sieben Jahre jünger als Marc; er galt als direkt und spontan, während Marc stets einen Zug zum introvertierten Denker hatte. „Gegensätze ziehen sich an“, heißt es im Volksmund und auch Platon (ca. 428–348 v. Chr.) vertrat in seinem Werk „Lysis“ die Ansicht, dass (erstens) Freunde einander ergänzen sollen, um zu zweit ein Ganzes zu werden, und dass (zweitens) ihre Beziehung sich in der gemeinsamen Liebe zu etwas Drittem vereinigen solle, was bei Marc und Macke natürlich die Kunst ist.

Der Makedonier Aristoteles (384–322 v.Chr.) dachte hier jedoch schon differenzierter: Er hatte ja die Auswüchse der demokratischen Parteifreundschaften im alten Athen erlebt, die formal ebenfalls die Platonische Definition der Freundschaft als gemeinsame Liebe zu etwas Drittem erfüllten, und so unterschied er in „Nikomachische Ethik“ die Freundschaft in die Kategorien Nutz-, Lust- und Charakterfreundschaft. Von Dauer ist nach Aristoteles dabei nur die dritte, denn der (gemeinsame) Nutzen oder die (gemeinsame) Lust können wegfallen, wenn einer der beiden Freunde aus dem Beruf oder aus dem Freizeitvergnügen/ Interesse aussteigt. Die Freundschaft muss also im Wesen und in der Persönlichkeit der beiden Partner liegen, nicht im Beruf oder den Interessen, die sich von heute auf morgen ändern können. Deshalb steht und fällt die Frage nach der Wahrhaftigkeit dieser Künstlerfreundschaft damit, wie die beiden jungen Maler persönlich und privat miteinander standen.

Kant (1724–1804) hatte in „Kritik der praktischen Vernunft“ Aristoteles’ Freundschaftsdifferenzierung wieder aufgenommen und Nutz- und Lustfreundschaft unter der Kategorie „ästhetische Freundschaft“ subsumiert und verworfen, die Charakterfreundschaft dagegen als „moralische Freundschaft“ gefeiert und mit konkreteren Regeln versehen. Moralische Freundschaft ist nach Kant „das völlige Vertrauen zweier Personen in wechselseitiger Eröffnung ihrer geheimen Urteile und Empfindungen, soweit sie mit beiderseitiger Achtung gegeneinander bestehen kann“. Eine der Grundregeln Kants für wahre Freunde ist, dass Freunde sich unbedingt die Wahrheit sagen müssen und auch Kritik aneinander nicht verschweigen dürften. Von dieser Warte aus gesehen erscheint die Bedingung erfüllt. Marc und Macke haben sich in ihrem Briefwechsel sehr wohl gegenseitig kritisiert und damit auch angespornt.

Der intellektuellere Marc verspottete Mackes ersten kunsttheoretischen Text als „Schulaufsatz“; als Ausstellungsmacher lehnte er (zusammen mit Wassily Kandinsky) auch Mackes Bild „Lautenspielerin“ für die „Erste Ausstellung der Redaktion Der Blaue Reiter“ ab, worauf Macke seinerseits gekränkt reagierte. Als er die Ausstellung 1912 in Köln sah, schrieb Macke an den Freund: „... Von Deinen Sachen war ich ziemlich enttäuscht. Ich hatte bei allem ein Gefühl des Unfertigen, des Gewollten und nicht ganz Gekonnten... Ich rate Dir nur, arbeite, ohne an den Blauen Reiter und blaue Pferde zuviel zu denken.“ In dem Brief verweist Macke auch darauf, dass ihm persönlich seine „Lautenspielerin“ lieber sei als vieles in der Ausstellung Gesehene. Hört man da nicht eine gewisse Eifersucht auf Kandinsky heraus, dem Macke wohl die Hauptschuld an der Ablehnung des Gemäldes zuwies?

Nach Montaigne (1533– 1592) zu urteilen, wäre die Verschmelzung der Seelen beider Freunde (und bei Montaigne kann jeder nur einen solchen Freund haben!) nach dem berühmten Satz „Er ist Ich“ das Endziel der Freundschaft. Solch einem Freund vertraut man auch Geheimnisse an, die man absolut vertraulich behandeln müsste, denn zwischen ihm und sich selbst kann es keine Grenze geben. Mit der Produktion des gemeinsamen Wandgemäldes mit dem vielsagenden Titel „Paradies“, in dem die individuellen Anteile Mackes und Marcs nicht mehr zu bestimmen sind, haben die beiden Künstler die von Montaigne postulierte Verschmelzung mindestens einmal vollzogen.

Der französische Strukturalist Michel Foucault (1926–1984), der sich erst in den letzten Jahren seines Lebens dem Thema „Freundschaft“ zuwandte, beschrieb die Freundschaft als „die Summe all der Dinge, über die man einander Freude und Lust bereiten kann“. Nach dieser Definition sind es die wechselseitigen Geschenke, Briefe, gemeinsamen Unternehmungen und Reisen sowie die sonstigen Aufmerksamkeiten, an denen es zwischen den beiden Künstlern Marc und Macke nicht fehlte und an denen insbesondere auch die beiden Ehefrauen einen großen Anteil hatten, wie die Münchner Ausstellung belegt.

„August Macke und Franz Marc – eine Künstlerfreundschaft“

läuft bis 3. Mai im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses täglich außer Mo. 10–21 Uhr, Ostermontag und 1. Mai ist geöffnet; Karten, 12 Euro, können vorbestellt werden unter Tel. 089/ 54 818 188 21; Kinder unter 18 Jahren haben freien Eintritt.

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