KONZERTSPEKTAKEL

Herrliche Herausforderungen

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Diese Burschen sind mehr als ein Geheimtipp: die Sambatruppe Los Pitutos bei ihrem Auftritt im Münchner Ampere.

Igor Strawinsky im Zentrum des Münchner „360˚“-Festivals

von maximilian Maier

Zum dritten Mal fand das „360˚“-Festival der Münchner Philharmoniker statt. Im prall gefüllten, an Höhepunkten nicht armen Veranstaltungskalender der Stadt tut es sich noch etwas schwer, sich als feste Größe zu etablieren. Es fehlt die wiedererkennbare Regelmäßigkeit, die sofort identifizierbare Ausrichtung. Und Valery Gergiev könnte es sich und dem Publikum auch einfacher machen: Populäreres in überschaubaren Längen spielen.

Aber das tut er nicht. Gott sei Dank! Gergiev fordert. Neues soll erschlossen werden, auch an fürs symphonische Repertoire ungewöhnlichen Orten. Denn Festivals oder auch Open-Air-Veranstaltungen sind ja dafür da, um mal aus dem klassischen Korsett auszubrechen.

Gergiev hat das begriffen. Und so wurden dieses Jahr Werke von Igor Strawinsky, der im Fokus von „360˚“ stand, unter anderem in der Muffathalle gespielt. Und ja, zugegeben, auch, weil die Philharmonie zum Zeitpunkt der Planung schon belegt war. Aber trotz staubtrockener Akustik funktionierte dieser Ausflug am Freitagabend. Die Klavierwerke, darunter „Quatres études“ und die „Feuervogelsuite“ in der Interpretation von Pavel Raykerus und Zarina Shimanskaya machten beeindruckend klar, wie weit Strawinskys Musik reicht: von Barockanklängen bis zu Vorarbeiten zum Cool Jazz. Die Brüder Lucas und Arthur Jussen begeisterten durch ein energetisches „Sacre du printemps“. Vor dem traumatischen, intensiven Stück „Night“, von Fazil Say eigens für beide komponiert, ergriff Lucas das Wort: In der Türkei wurde ihnen verboten, das Werk des Regimekritikers aufs Programm zu nehmen. Da spielten sie es einfach als Zugabe. Dies eine Woche nach der Freilassung von Deniz Yücel zu hören, zeigt, wie aktuell, wie politisch Musik sein kann.

Zumindest musikalische, wenn nicht gleich politische Brücken zwischen München und St. Petersburg baut das Festival, wenn Musiker der Philharmoniker und des Stradivarius Ensembles zusammenkommen. Strawinskys „Concerto in D“ leitete Gergiev selbst, für die „Cuatro Estaciones Portenas“ übernahm Konzertmeister Lorenz Nasturica-Herschcowici. Als Solist kostete er mit brillantem Spiel jeden Tempowechsel, jedes Rubato, jeden Schleifer aus und zeigte, warum er als Musikerpersönlichkeit in dieser Stadt einzigartig ist. Nach drei Stunden, um 23 Uhr – ja, Gergiev fordert – ging es direkt ins Ampere, wo Solohornist Matías Pineira mit seiner Sambatruppe Los Pitutos gewaltig einheizte. Die Burschen sind mehr als ein Geheimtipp!

Am Samstagabend dann Singuläres: Strawinskys „Petruschka“ als ideale Kombination von Weltklassetanz und -symphonik. Vladimir Varnavas Choreografie abstrahiert die pittoreske Jahrmarktstory und zeigt einen Außenseiter, der in einer erbarmungslosen Gesellschaft von roboterhaften Unterhaltern Mensch sein will. Dies zeichnet Varnava mit viel Humor, anrührender Intimität sowie klassischen Tanzelementen mit Anleihen aus Pantomime und Akrobatik. Das Mariinsky-Ballett mit dem famosen Vladimir Shklyarov in der Titelpartie machte seinem Weltruf alle Ehre.

Im Zusammenspiel mit dem fabelhaften Orchester und mit Gergiev, Idealdirigent für diese Musik, wurde „Petruschka“ zum Höhepunkt des Festivals. Bei dieser Vielfalt und Findigkeit wird einem um die Philharmoniker für das anstehende Exil nicht bange. Im Gegenteil: Das wird eine Chance!

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