LYDIA STEIER INSZENIERTE IM GROßEN FESTSPIELHAUS MOZARTS „ZAUBERFLÖTE“ ALS VERSCHATTETES MÄRCHEN – CONSTANTINOS CARYDIS IST EIN GLÜCKSFALL

Hereinspaziert in den dunklen Circus Maximus

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Es war einmal: Opa (Klaus Maria Brandauer) liest den Enkeln eine wunderliche Geschichte vor. Foto: Ruth Walz

von markus thiel. Mehrere dieser Löcher gibt es im Stück, dunkel und rätselhaft.

Momente, in denen die Munterkeit Pause hat und sich eine Spalte auftut. Diese ist besonders groß. Von der „düst’ren Nacht“ raunt der Chor, die vom „Glanz der Sonne“ vertrieben wird. Und an diesem Abend beschleicht einen spätestens jetzt das Gefühl: Es muss etwas Furchtbares passiert sein. Alle diese Artisten, Karikaturen, Varieté-Figuren frieren ein. Später, bei der Feuer- und Wasserprobe, dröhnen Geräusche eines Bombenangriffs durchs Große Festspielhaus. Pamina und Tamino schauen auf Schwarz-Weiß-Filmschnipsel aus dem Ersten Weltkrieg, während sich die drei Knaben in Opas Armen vergraben, bevor der Chor partiturwidrig pianissimo und von fern das Paar bejubelt. Freude ja, aber misstrauisch und hinter vorgehaltener Hand.

Wer sich den Longseller der Opernhitliste vornimmt, noch dazu als erste Premiere der Salzburger Festspiele, der agiert unter Überdruck. Auch weil in diesem Hybrid des Musiktheaters zusammengezwungen werden muss, was nicht zusammenpasst. Der Trick, den Regisseurin Lydia Steier anwendet, mag gut abgehangen sein. Eine Rahmenhandlung: Opa liest den Enkeln, hier den drei Knaben, eine wunderliche Geschichte vor dem Schlafengehen vor. Irgendwann tauchen sie ein in diese andere Welt, in einen dunklen Circus Maximus mit seinen bizarren Wesen, Artisten, deren zylinderbewehrter Direktor aus einer Charles-Dickens-Geschichte herübergewechselt sein muss.

Mit Katharina Schlipf (Bühne) und Ursula Kudrna (Kostüme) entfesselt Lydia Steier eine Bildfülle, eine Explosion an Fantasie, die mehr offen lässt als erklärt. Es ist eine Art gerichtetes Assoziationskraftfeld, das man bestaunt. Dank des sanft resoluten, nie märchenonkelnden Klaus Maria Brandauer als Großvater gibt es keine Dialogpeinlichkeit – und keinen Durchhänger. Überraschend kurzweilig und szenisch gut rhythmisiert entwickelt sich dieses verschattete Märchen für Erwachsene. Aus der strengen großbürgerlichen Welt taucht der Vater in der Zirkuswelt auf, ein Fiesling mit Zigarre (Tareq Nazmi), als „Sprecher“ ein Helfershelfer Sarastros. Familiäre Traumata vermischen sich da mit noch größeren, verheerenderen. Es ist ein totales Theater à la Stefan Herheim, das Lydia Steier beschwört. Eine Meditation über Motive der „Zauberflöte“, eine Verschränkung von Bedeutungsebenen, eine Aufführung, die sogar bewusst kippt, als die Schicksale der Commedia-Figuren wichtiger werden als die der Märchenbesucher.

Dass auch Konzeptfäden heraushängen, ist Programm. Und dass sich alles mit dem Geschehen im Graben verschränkt und befruchtet, der größte Glücksfall. Was Constantinos Carydis mit den Wiener Philharmonikern anstellt, ist extrem. Ein kleines Wunder, wie sehr sich diese Edel-Musiker das alles gefallen lassen. Der Salzburger Operndebütant wahrt zwar den Klang des Orchesters – wirft aber fast alle eingefahrenen Traditionen über Bord und knüpft in seiner Radikalität an die Salzburger Aufführungen Nikolaus Harnoncourts an. Jeder Tempowechsel, jeder Akzent, jeder Extra-Spot auf eine Mittelstimme, jedes zusätzlich eingesetzte Instrument wie das Hammerklavier oder die Orgel, ja jede Pause ist motiviert aus dramatischen, klangrhetorischen Erfordernissen und den Vorschriften des Notentextes. In seiner Analyse ist Carydis eigenwillig, aber logischer und uneitler als etwa Teodor Currentzis. Bei Carydis hört man tatsächlich das Potenzial dieser Partitur und nicht das seines Interpreten. Auch deshalb fällt es gar nicht so ins Gewicht, dass es unter den Sängern Querbesetzungen gibt – und damit Rollenneubefragungen.

Nicht alles hat Festspielniveau. Mauro Peter gibt im schmucken Offiziersgewand einen gerade in der Höhe sehr verhaltenen, etwas unsteten Tamino, der erst allmählich stabile Bögen wagt. Christiane Karg ist eine gar nicht so liebreizende, herbe Pamina, Adam Plachetka ein kerniger, vokal fast dominierender Papageno. Albina Shagimuratova präsentiert sich als Stilistin: Über alle Töne der Königin der Nacht verfügt sie, und trotzdem wird kein Feuerwerk abgebrannt. Matthias Goerne, eigentlich ein lyrischer Bariton, hat tatsächlich ein bassiges Timbre. Den Sarastro treibt er weg vom Gutväterlichen zum geheimnisumwehten Strippenzieher. In der Tiefe bleiben freilich entscheidende Töne unterbelichtet – auch wenn Carydis die Philharmoniker bis zur Hörgrenze dimmt. Den größten Jubel ernten die drei Wiener Sängerknaben, die auch schauspielerisch zu den Ü-30-Solisten aufschließen. Ansonsten spürt man Verstörung in der Gala-Gemeinde. Exakt richtige Reaktion also, wenn die „Zauberflöte“ ernst genommen wird.

Weitere Aufführungen

am 31. Juli sowie am 4., 7., 15., 24., 30. August; alle ausverkauft, Restkarten eventuell unter 0043/ 662/ 8045-500; Aufzeichnung am 4. August, 20.15 Uhr, auf Arte.

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